Wie Kuba den Kli­ma­wan­del bekämpft

By Published On: Juni 2, 2026Cate­go­ries: Öko­lo­gie

(Jaco­bi­ne Maga­zin: 06.06.2022 von Helen Yaffe)

Kuba mag zwar nur für 0,08 Pro­zent der welt­wei­ten CO2-Emis­­sio­­nen ver­ant­wort­lich sein, ist aber unverhältnismäßig stark von den Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels betrof­fen. Extre­me Wet­ter­ereig­nis­se – Wirbelstürme, Dürre, sint­flut­ar­ti­ge Regenfälle, Überschwemmungen – wer­den immer häufiger und hef­ti­ger, was sich nega­tiv auf die Ökosysteme, die Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on und die öffentliche Gesund­heit aus­wirkt. Ohne Maß­nah­men, die die Küstenregionen vor dem Anstieg des Mee­res­spie­gels schützen, könnten bis zum Ende des Jahr­hun­derts bis zu 10 Pro­zent des kuba­ni­schen Ter­ri­to­ri­ums überflutet sein. Dadurch würden Küstenstädte ausgelöscht, die Was­ser­ver­sor­gung ver­schmutzt, land­wirt­schaft­li­che Flächen zerstört, Strände verwüstet und 1 Mil­li­on Men­schen – etwa 9 Pro­zent der Bevölkerung – zur Umsied­lung gezwungen.

Doch anders als in vie­len Ländern, in denen ver­spro­chen wird, in der Zukunft Maß­nah­men des Kli­ma­schut­zes zu ergrei­fen, hat Kuba bereits ernst­haf­te Maß­nah­men umge­setzt. Zwi­schen 2006 und 2020 wur­de der Insel­staat in meh­re­ren inter­na­tio­na­len Berich­ten als welt­weit führend in Sachen nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung bezeich­net. Und im Frühjahr 2017 ver­ab­schie­de­te die kuba­ni­sche Regie­rung den Kli­ma­schutz­plan Tarea Vida (»Lebens­auf­ga­be«). Die­ser iden­ti­fi­ziert gefährdete Bevölkerungsgruppen und Regio­nen und legt eine Hier­ar­chie von »stra­te­gi­schen Berei­chen« und »Auf­ga­ben« fest, in denen Kli­ma­wis­sen­schaft­ler, Ökologinnen und Sozi­al­wis­sen­schaft­ler gemein­sam mit loka­len Gemein­schaf­ten, Spe­zia­lis­tin­nen und Behörden zusam­men­ar­bei­ten. Tarea Vida soll schritt­wei­se von 2017 bis 2100 umge­setzt wer­den und umfasst auch Maß­nah­men zur Abschwächung des Kli­ma­wan­dels, wie die Umstel­lung auf erneu­er­ba­re Ener­gien und die gesetz­li­che Durch­set­zung von Umweltschutzmaßnahmen.

Im Som­mer 2021 bin ich nach Kuba gereist, um über Tarea Vida zu recher­chie­ren und einen Doku­men­tar­film zu pro­du­zie­ren, der während der inter­na­tio­na­len Kli­ma­kon­fe­renz COP26 in Glas­gow gezeigt wer­den soll­te. Während mei­nes Besu­ches stie­gen auf der Kari­bik­in­sel die Covid-19-Infek­­tio­­nen. Zur sel­ben Zeit wur­den zur Eindämmung der Anste­ckung Gesund­heits­maß­nah­men verhängt, aber auch die Pro­tes­te vom 11. Juli ereig­ne­ten sich während mei­nes Auf­ent­halts. Trotz die­ser Umstände konn­ten wir uns unge­hin­dert in Havan­na bewe­gen und Inter­views mit For­schen­den aus den Kli­­ma- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, poli­ti­schen Entscheidungsträgerinnen, Lei­tern des kuba­ni­schen Zivil­schut­zes, Men­schen auf der Stra­ße und vom Kli­ma­wan­del bedroh­ten Gemein­den führen.

An der Küste von San­ta Fe in Havan­na traf ich auf einen Fischer, der mit sei­ner Fami­lie in einem ver­las­se­nen Gebäude lebt. Er erzählte mir, dass ihr Haus wie ein Schiff auf See wirkt, wenn das Was­ser das Erd­ge­schoss überflutet. Blei­ben wol­len sie trotz­dem: »Die­ses Haus kann auf einen Block redu­ziert wer­den; ich wer­de nicht umzie­hen«, bekräftigt er. Die ers­te »Auf­ga­be« von Tarea Vida ist es, die­se gefährdeten Gemein­schaf­ten durch die Umsied­lung von Haus­hal­ten oder gan­zen Sied­lun­gen zu schützen. Der kuba­ni­sche Staat übernimmt die Kos­ten für die Umsied­lung und baut dafür neue Häuser, eine öffentliche Infra­struk­tur und gewährleistet die not­wen­di­gen sozia­len Dienst­leis­tun­gen. Die Umsied­lung ist jedoch nicht obli­ga­to­risch, da der Plan vor­sieht, die betrof­fe­nen Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner in den Ent­­schei­­dungs- und Bau­pro­zess ein­zu­be­zie­hen. Teil­wei­se haben Gemein­den auch ihre eige­nen Anpas­sungs­stra­te­gien erar­bei­tet, um an der Küste blei­ben zu können.

Tarea Vida ist das Ergeb­nis von jahr­zehn­te­lan­ger Förderung von Umwelt­schutz und nach­hal­ti­ger Ent­wick­lung sowie wis­sen­schaft­li­chen Unter­su­chun­gen. In Kuba gilt der Plan als Grund­la­ge für die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung. Er wird zudem Teil eines umfas­sen­de­ren Pro­zes­ses der Dezen­tra­li­sie­rung von Zuständigkeiten, Befug­nis­sen und Haus­halts­mit­teln, im Zuge derer loka­le Gemein­schaf­ten mehr Ein­fluss gewin­nen. Hier zeigt sich, dass Umwelt­fra­gen ein inte­gra­ler Bestand­teil der natio­na­len Ent­wick­lungs­stra­te­gie Kubas sind und nicht nur ein Nebenaspekt.

Tarea Vida wird auch aus schie­rer Not­wen­dig­keit vor­an­ge­tra­gen; denn der Kli­ma­wan­del hat schon jetzt Aus­wir­kun­gen auf das Leben auf der Insel. »Das Kli­ma in Kuba verändert sich der­zeit von einem humi­den, tro­pi­schen Kli­ma zu einem sub­hu­mi­den Kli­ma, durch den sich die Nie­der­schlags­mus­ter, die Wasserverfügbarkeit, die Boden­be­schaf­fen­heit und die Tem­pe­ra­tu­ren verändern wer­den«, erklärt Orlan­do Rey San­tos, ein Bera­ter des Minis­te­ri­ums für Wis­sen­schaft, Tech­no­lo­gie und Umwelt. »Wir wer­den uns anders ernähren, anders bau­en, uns anders klei­den müssen. Es ist sehr komplex.«

»Vom Regen­wald zum Zuckerrohrfeld«

Die jahr­hun­der­te­lan­ge kolo­nia­le und dann impe­ria­lis­ti­sche Aus­beu­tung und das auf Agrar­pro­duk­te fokus­sier­te Export­mo­dell, das Kuba auf­er­legt wur­de, führten in Kuba zu chro­ni­scher Ent­wal­dung und Boden­ero­si­on. Durch die Expan­si­on der Zucker­in­dus­trie ver­rin­ger­te sich die Wald­be­de­ckung der Insel dra­ma­tisch. Vor der Kolo­nia­li­sie­rung betrug die­se noch 95 Pro­zent, im Jahr der Revo­lu­ti­on 1959 nur noch 14 Pro­zent, wodurch Kuba »vom Regen­wald zum Zucker­rohr­feld« wur­de, wie der kuba­ni­sche Umwelt­his­to­ri­ker Rei­nal­do Funes Mon­zo­te in sei­nem preisgekrönten Buch dar­legt. Die Überwindung die­ses his­to­ri­schen Erbes wur­de Teil des revolutionären Trans­for­ma­ti­ons­pro­jekts nach 1959, mit dem die Ket­ten der Unter­ent­wick­lung durch­bro­chen wer­den sollten.

Durch den Han­del mit dem Sowjet­block wur­de Kuba wei­ter­hin von der Zucker­in­dus­trie beherrscht, trotz der frühen Ver­su­che der Revolutionäre, die Wirt­schaft neu zu gestal­ten. Wirt­schafts­zwei­ge, die zu Umwelt­ver­schmut­zung und Ero­si­on führten, wur­den bei­be­hal­ten. Das lag auch dar­an, dass Kuba die soge­nann­te »Grüne Revo­lu­ti­on« der mecha­ni­sier­ten Land­wirt­schaft ver­folg­te – ein Ansatz, der in vie­len Entwicklungsländern zur Stei­ge­rung der land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on ange­wandt wird.

Allmählich erkann­te man jedoch, wie schädlich die Aus­wir­kun­gen die­ser Stra­te­gie waren, wes­halb sie vor allem seit den 1990er Jah­ren schritt­wei­se beho­ben wur­de. Das kuba­ni­sche Archi­pel weist eine außergewöhnliche bio­lo­gi­sche Viel­falt und Küstenressourcen von glo­ba­ler Bedeu­tung auf. Die Sor­ge um den Schutz die­ser natürlichen Res­sour­cen hat in den letz­ten Jah­ren zuge­nom­men. Kuba hat den Kli­ma­schutz auf wis­sen­schaft­li­cher und insti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne unterstützt und ent­spre­chen­de poli­­tisch- ökonomische Rah­men­be­din­gun­gen geschaffen.

Der Umwelt­recht­ler Oli­ver A. Houck schreibt über Kuba: »Das postrevolutionäre kuba­ni­sche Recht hat öffentliche und kol­lek­ti­ve Wer­te von Anfang an gefördert. In die­sen Rah­men fügten sich Umwelt­ge­set­ze pro­blem­los ein«. Das Agrar­re­form­ge­setz übertrug schon im Mai 1959 dem Staat die Ver­ant­wor­tung für den Schutz von Natur­ge­bie­ten, initi­ier­te Pro­gram­me zur Wie­der­auf­fors­tung und stell­te sicher, dass dicht bewal­de­te Natur­re­ser­va­te nicht als Agrarflächen an land­wirt­schaft­li­che Kol­lek­ti­ve übertragen wur­den. Das Sys­tem in Kuba stellt das mensch­li­che Wohl­erge­hen in den Vor­der­grund, wodurch die Umset­zung des Umwelt­schut­zes und eine sinn­vol­le Nut­zung natürlicher Res­sour­cen erleich­tert wird.

Die­se Ent­wick­lung ver­lief nicht auto­ma­tisch. Geo­gra­phen und Umweltschützerinnen ani­mier­ten die Regie­rung dazu, die Umwelt­agen­da nach 1959 vor­an­zu­trei­ben. Der Sozia­list und Geo­­gra­­phie-Pro­­fes­­sor Anto­nio Núñez Jiménez war einer von ihnen. Er hat­te Che Gue­va­ras Rebel­len­ar­mee gedient und lei­te­te unter ande­rem das Natio­nal Insti­tut for Agra­ri­an Reform. Es war auch dem Ein­fluss von Núñez Jiménez zu ver­dan­ken, das Fidel Cas­tro die Umwelt­be­we­gung in Kuba wei­ter vor­an­trieb. Tir­so W. Sáenz, der in den frühen 1960er Jah­ren eng mit Gue­va­ra zusam­men­ar­bei­te­te und ab 1976 die ers­te kuba­ni­sche Umwelt­kom­mis­si­on lei­te­te, sag­te mir gegenüber: »Fidel hat maß­geb­lich dazu bei­getra­gen, dass Umwelt­be­lan­ge in die kuba­ni­sche Poli­tik ein­be­zo­gen wur­den.« Auch die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Kubas hat sich für Umwelt­schutz und nach­hal­ti­ges Wachs­tum aus­ge­spro­chen, was »den Umwelt­pro­gram­men eine erheb­li­che Legitimität ver­leiht«, wie Houck schreibt.

Kuba nahm schon 1976 als eines der welt­weit ers­ten Länder Umwelt­fra­gen in sei­ne Ver­fas­sung auf. Außer­dem wur­de eine Kom­mis­si­on für den Schutz der Umwelt und nach­hal­ti­ge Nut­zung natürlicher Res­sour­cen ein­ge­rich­tet. Das alles geschah elf Jah­re bevor der Brund­t­­land-Bericht der Ver­ein­ten Natio­nen das Kon­zept der »nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung« in der Welt eta­blier­te. In den fol­gen­den Jahr­zehn­ten wur­den Stu­di­en und Pro­jek­te durchgeführt und Vor­schrif­ten zum Schutz von Pflan­zen und Tie­ren erlas­sen. Auf der UN-Kon­­­fe­­renz 1992 in Bra­si­li­en hielt Fidel Cas­tro eine ange­mes­sen alar­mie­ren­de und für ihn ungewöhnlich kur­ze Rede. Dar­in betont er, dass aus­beu­te­ri­sche und unglei­che inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen auf die Geschich­te des Kolo­nia­lis­mus und Impe­ria­lis­mus zurückgehen und er ver­deut­lich­te, wes­halb die räuberische Umweltzerstörung durch die kapi­ta­lis­ti­schen Kon­sum­ge­sell­schaf­ten ange­heizt wird und die Mensch­heit auszulöschen droht.

Im sel­ben Jahr nahm die kuba­ni­sche Regie­rung eine Ver­pflich­tung zur nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung in ihre Ver­fas­sung auf. Außer­dem wur­den wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chun­gen ein­ge­lei­tet, um die Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels in Kuba zu erfor­schen. Im Jahr 1994 wur­de ein neu­es Minis­te­ri­um für Wis­sen­schaft, Tech­no­lo­gie und Umwelt (Minis­te­rio de Cien­cia, Tecnología y Medio Ambi­en­te de la República de Cuba, CITMA) ein­ge­rich­tet, das eine natio­na­le Umwelt­stra­te­gie erar­bei­te­te, die 1997 ver­ab­schie­det wur­de. Im sel­ben Jahr wur­den von der Natio­nal­ver­samm­lung auch recht­li­che Rah­men für den Umwelt­schutz (Gesetz 81) ver­ab­schie­det. Die­ses Gesetz räumte dem Minis­te­ri­um weit­rei­chen­de Befug­nis­se zur »Kon­trol­le, Len­kung und Durchführung der Umwelt­po­li­tik« ein, wie die Juris­tin Lau­ra Rival­ta erklärt, die sich auf Umwelt­vor­schrif­ten spe­zia­li­siert. Gleich­zei­tig beschränkte es die Aktivitäten ausländischer Unter­neh­men in Kuba. »Die neue kuba­ni­sche Ver­fas­sung, die 2019 ver­ab­schie­det wur­de, erklärt das Recht auf eine gesun­de und aus­ge­wo­ge­ne Umwelt zum Men­schen­recht«, wie Rival­ta ergänzt.

Nicht dem Pro­fit verpflichtet

Es gibt vier Fak­to­ren, die es Kuba ermöglichten, sei­nen ehr­gei­zi­gen staat­li­chen Plan zu ent­wi­ckeln. Da Kubas Wirt­schaft staat­lich gelei­tet und zen­tral geplant wird, kann die Regie­rung Res­sour­cen leich­ter mobi­li­sie­ren und die natio­na­le Stra­te­gie len­ken, ohne Anrei­ze für pri­va­ten Pro­fit schaf­fen zu müssen – im Gegen­satz zu ande­ren Ländern, die auf »Marktlösungen« für den Kli­ma­wan­del setzen.

Kubas Kapazitäten, Natur­ka­ta­stro­phen vor­her­zu­sa­gen und deren Risi­ken zu bewältigen sind welt­weit führend und Tarea Vida knüpft dar­an an. Kubas Reak­ti­on auf Wirbelstürme und der Umgang mit der Covid-19-Pan­­de­­mie haben das bereits unter Beweis gestellt.

Ein wei­te­rer Aspekt ist der kuba­ni­sche Zivil­schutz, der nach dem ver­hee­ren­den Wir­bel­sturm Flo­ra im Jahr 1963 auf­ge­baut wur­de. Bei mei­nem Besuch beschrieb mir Oberst­leut­nant Glo­ria Gelis Martínez die »ope­ra­ti­ven und tech­ni­schen Ver­fah­ren zur Frühwarnung vor den Aus­wir­kun­gen extre­mer meteo­ro­lo­gi­scher Ereig­nis­se. Wir haben Beob­ach­tungs­zo­nen und Zonen der höchsten Alarm­stu­fe, in denen wir sich anbah­nen­de Wet­ter­ereig­nis­se beob­ach­ten und deren Aus­wir­kun­gen ver­fol­gen können«. Die­ses Sys­tem, das es sowohl auf Provinz‑, Gemein­­de- und Stadt­teil­ebe­ne im gan­zen Land gibt, wird vom natio­na­len Ver­tei­di­gungs­rat koordiniert.

Der Meteo­ro­lo­ge Edu­ar­do Pla­nos erklärte: »Auf loka­ler Ebe­ne kon­zen­trie­ren sich Risi­ko­stu­di­en­zen­tren auf das jewei­li­ge Phänomen und die Nach­bar­schaft wird orga­ni­siert. Die sozia­len Orga­ni­sa­tio­nen in den jewei­li­gen Gebie­ten ergrei­fen Präventivmaßnahmen. Die Kom­mu­nal­ver­wal­tun­gen rich­ten loka­le Verteidigungsräte ein, die die Funktionsfähigkeit des Sys­tems orga­ni­sie­ren und Grund­nah­rungs­mit­tel ver­tei­len. Außer­dem überprüfen sie die elek­tri­schen Anla­gen und den Evakuierungsplan.«

Vier­tens ist Kuba in der Lage, loka­le Daten zu sam­meln und zu ana­ly­sie­ren. Rey San­tos zeigt auf, was das prak­tisch bedeu­tet: »Stu­di­en zei­gen, dass der durch­schnitt­li­che Anstieg des Mee­res­spie­gels bis 2050 etwa 29 Zen­ti­me­ter betra­gen wird. Jedoch haben wir die­sel­be Ana­ly­se für 66 Punk­te des natio­na­len Ter­ri­to­ri­ums durchgeführt, da es je nach loka­len Bedin­gun­gen Unter­schie­de gibt. Eine sol­che Ana­ly­se, bei der die IPCC-Daten über den glo­ba­len Mee­res­spie­gel­an­stieg auf jeden ein­zel­nen Ort in Kuba übertragen wer­den, ist nur möglich, wenn man sich auf eine soli­de wis­sen­schaft­li­che Grund­la­ge stützt.«

Tarea Vida funktioniert

Die vorläufigen Ergeb­nis­se von Tarea Vida für den Zeit­raum 2017–2020 wer­den der­zeit aus­ge­wer­tet. Die­ser Zeit­raum fiel mit der Präsidentschaft von Donald Trump und dem Aus­bruch der Covid-19- Pan­de­mie zusam­men. Unter Trump verschärften die USA die Sank­tio­nen gegen Kuba, wodurch der Zugang des Lan­des zu Res­sour­cen wei­ter erschwert wur­de. Die Pan­de­mie hat die Wirt­schaft durch den Ver­lust der Ein­nah­men der Tou­ris­mus­in­dus­trie wei­ter geschädigt. Den­noch wur­den greif­ba­re Erfol­ge erzielt: 11 Pro­zent der am stärksten gefährdeten Häuser an der Küste wur­den umge­sie­delt, Koral­len­far­men wur­den auf­ge­baut, 380 Qua­drat­ki­lo­me­ter Man­gro­ven­wald, der als natürlicher Küstenschutz dient, wur­den wie­der­her­ge­stellt, und 1 Mil­li­ar­de Pesos wur­den in das Was­ser­pro­gramm des Lan­des inves­tiert. Durch Auf­fors­tungs­pro­gram­me seit 1959 konn­te die Waldfläche auf 30 Pro­zent erhöht werden.

Was können ande­re Länder des Glo­ba­len Südens dar­aus ler­nen? In der Kopen­ha­ge­ner Ver­ein­ba­rung vom Dezem­ber 2009 wur­de den Entwicklungsländern eine Kli­ma­fi­nan­zie­rung zuge­sagt, die bis 2020 auf 100 Mil­li­ar­de Dol­lar jährlich stei­gen soll. Doch die­se Zusa­ge wur­de nicht ein­ge­hal­ten. »Sie zählen die Fördergelder dop­pelt, ein­mal Gel­der die ver­spro­chen aber nie übergeben wer­den, und noch­mal Spen­den­gel­der, die einem Land zur Verfügung gestellt wer­den und tatsächlich zurückgegeben wer­den, weil es sich um einen Kre­dit han­delt«, beklagt Rey San­tos. »Die inter­na­tio­na­le Finan­zie­rung ist kom­plett auf die Abschwächung aus­ge­rich­tet, was ein Geschäft ist. Für die Anpas­sung gibt es viel weni­ger Geld. Für klei­ne Insel­ent­wick­lungs­staa­ten [Small Island Deve­lo­p­ment Sta­tes, SIDS], die zu den am meis­ten gefährdeten Gebie­ten gehören, ist die Finan­zie­rung extrem gering.« Er erzählt von »schönen« Klimaschutzplänen, die zur Ein­hal­tung inter­na­tio­na­ler Ver­pflich­tun­gen erstellt und dann zu den Akten gelegt wer­den. Im Gegen­satz dazu »ist Tarea Vida in Kuba ein leben­di­ger Pro­zess, ein Pro­dukt des Sys­tems, das ihn her­vor­ge­bracht hat.«

Auf­grund der US-Blo­ck­a­­de, die den Zugang zu mul­ti­la­te­ra­len Ent­wick­lungs­ban­ken ver­hin­dert, ist Kubas Zugang zu inter­na­tio­na­len Finanz­mit­teln erschwert. Daher ist das Land auf bila­te­ra­le Zusam­men­ar­beit und die Ver­ein­ten Natio­nen ange­wie­sen. Druck und Sank­tio­nen der USA tref­fen Kuba nicht nur direkt, son­dern rich­ten sich auch gegen sei­ne poten­zi­el­len Part­ner in Drittländern.

Der kuba­ni­sche Ansatz zur Anpas­sung an den Kli­ma­wan­del bie­tet eine Alter­na­ti­ve zu den welt­weit vor­herr­schen­den Para­dig­men, die auf die Pri­vat­wirt­schaft oder öffentlich-privaten Part­ner­schaf­ten set­zen. Er ist von zuneh­men­der Bedeu­tung für die vom Tou­ris­mus abhängigen klei­nen kari­bi­schen Insel­ent­wick­lungs­staa­ten und ande­re Länder des Glo­ba­len Südens, die von der Covid-19-Pan­­de­­mie betrof­fen sind und deren Ver­schul­dungs­grad den künftigen Zugang zu inter­na­tio­na­len Finanz­mit­teln erschwe­ren wird. Auf­grund der dar­aus resul­tie­ren­den finan­zi­el­len und res­sour­cen­be­zo­ge­nen Beschränkungen ähnelt ihre Situa­ti­on zuneh­mend der von Kuba. Tarea Vida setzt auf kostengünstige natio­na­le Lösungen und nicht auf exter­ne Finanzierung.

Rey San­tos warnt davor, eine Kli­ma­stra­te­gie vor­an­zu­trei­ben, die struk­tu­rel­le Pro­ble­me wie extre­me Armut und gro­ße sozia­le und wirt­schaft­li­che Ungleich­heit außen vor lässt. Sei­ner Mei­nung nach ist es unmöglich, die Ener­gie­ver­sor­gung der Welt von fos­si­len Brenn­stof­fen auf erneu­er­ba­re Ener­gien umzu­stel­len, ohne das Ver­brauchs­ni­veau zu sen­ken, wenn es nicht genügend Res­sour­cen für die Her­stel­lung der erfor­der­li­chen Solar­pa­nee­le und Wind­tur­bi­nen oder nicht genügend Platz für ihre Auf­stel­lung gibt. »Wenn mor­gen auto­ma­tisch alle Ver­kehrs­mit­tel elek­trisch betrie­ben wer­den würden, hätte man die glei­chen Pro­ble­me mit Staus, Parkplätzen, Auto­bah­nen und dem hohen Ver­brauch von Stahl und Zement«, betont er. »Es muss eine Änderung der Lebens­wei­se und der Ansprüche geben. Das ist Teil der Debat­te über den Sozia­lis­mus, Teil von Che Gue­va­ras Ideen über den ›neu­en Men­schen‹. Ohne die­sen neu­en Men­schen zu for­men, wird es sehr schwie­rig, das Kli­ma­pro­blem anzu­ge­hen«. Ein Plan wie Tarea Vida erfor­dert eine Visi­on, die nicht auf Pro­fit oder Eigen­nutz aus­ge­rich­tet ist. »Sie muss auf sozia­ler Gerech­tig­keit beru­hen und Ungleich­heit ableh­nen. Ein Plan die­ser Art erfor­dert ein ande­res Gesell­schafts­sys­tem und das ist der Sozia­lis­mus«, resümiert er.

Zwei­fel­los gibt es die­se politisch‑ökonomischen Rah­men­be­din­gun­gen in ande­ren SIDS nicht. Aber ange­sichts des COP26-Gip­­fels in Glas­gow, der erneut gezeigt hat, dass die Regie­run­gen nicht bereit sind, etwas für das Kli­ma zu tun, und Inter­es­sen der Pri­vat­wirt­schaft her­aus­zu­for­dern, kann der kuba­ni­sche Ansatz Bei­spie­le für bewährte Ver­fah­ren liefern.

Am 11. Janu­ar fand die Online-Pre­­mie­­re des Doku­men­tar­films der Autorin Cuba’s Life Task: Com­ba­ting Cli­ma­te Chan­ge auf You­Tube statt. Der Film steht mit Unter­ti­teln in meh­re­ren Spra­chen zur Verfügung.