Der letz­te Comandante

By Published On: Juni 4, 2026Cate­go­ries: News

(jun­ge­Welt: 03.06.2026 Von Vol­ker Herms­dorf)

Revo­lu­tio­när der ers­ten Stun­de: Kubas Exstaats­chef Raúl Cas­tro wird 95 – und von den USA mit Ent­füh­rung und Tod bedroht.

Weil er für die Unab­hän­gig­keit sei­nes Vol­kes kämpf­te, wur­de Kubas ehe­ma­li­ger Prä­si­dent Raúl Cas­tro als jun­ger Mann unter dem US-freun­d­­li­chen Dik­ta­tor Ful­gen­cio Batis­ta ins Gefäng­nis gesteckt. Trotz­dem ris­kier­te er als Gue­ril­le­ro an der Sei­te sei­nes älte­ren Bru­ders Fidel und des Arz­tes Ernes­to »Che« Gue­va­ra sein Leben im Kampf für die Befrei­ung von Batis­tas Tyran­nei und der Vor­herr­schaft Washing­tons. Nun droht die Regie­rung von US-Mach­t­ha­­ber Donald Trump ihm erneut mit Ver­fol­gung, Haft und sogar mit der Todes­stra­fe, da er für den Abschuss von zwei ille­gal in Kubas Luft­raum ein­ge­drun­ge­nen Flug­zeu­gen einer ter­ro­ris­ti­schen Grup­pe vor drei­ßig Jah­ren ver­ant­wort­lich sei. Die­sen Mitt­woch begeht der Revo­lu­ti­ons­füh­rer trotz aller Anfein­dun­gen und Dro­hun­gen sei­nen 95. Geburts­tag. Für vie­le in Kuba ein Grund zu feiern.

Der am 3. Juni 1931 im ost­ku­ba­ni­schen Ort Birán gebo­re­ne Raúl Mode­s­to Cas­tro Ruz ist einer der letz­ten noch leben­den Coman­dan­tes, die Kuba an der Spit­ze schlecht bewaff­ne­ter Rebel­len von der Ter­ror­herr­schaft eines Dik­ta­tors befrei­ten, des­sen Armee von den USA mit moderns­ten Waf­fen aus­ge­rüs­tet wor­den war. Nach der Kind­heit auf dem Gut sei­ner Eltern und dem Besuch einer von Jesui­ten geführ­ten Schu­le in Sant­ia­go de Cuba zog er als Acht­zehn­jäh­ri­ger zu Fidel nach Havan­na. Wäh­rend eines spä­ter abge­bro­che­nen Stu­di­ums an der dor­ti­gen Uni­ver­si­tät beschäf­tig­te er sich mit den Schrif­ten des Frei­heits­kämp­fers José Mar­tí, las Wer­ke von Marx, Engels und Lenin und schloss sich der lin­ken Stu­den­ten­be­we­gung an.

Orga­ni­sa­tor mit Vorausblick

Havan­na war in die­ser Zeit zur Ver­gnü­gungs­mei­le, zum Bor­dell für wohl­ha­ben­de US-Bür­­ger und zu einem Mafia­pa­ra­dies gewor­den. Doch in Kuba herrsch­ten Arbeits­lo­sig­keit, Armut und Hun­ger. 90 Pro­zent der oft in Elends­quar­tie­ren hau­sen­den Land­be­völ­ke­rung waren ohne jede medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung, für 64 Pro­zent der Kin­der gab es kei­ne Schu­len, und mehr als die Hälf­te der Kuba­ner konn­te weder lesen noch schrei­ben. Im März 1952 putsch­te sich der Exser­geant Ful­gen­cio Batis­ta an die Macht und errich­te­te mit Unter­stüt­zung Washing­tons eine blu­ti­ge Dik­ta­tur. Bis zu sei­nem Sturz ließ Batis­ta Zig­tau­sen­de Geg­ner von Spe­zia­lis­ten des Geheim­diens­tes SIM fol­tern und rund 20.000 Oppo­si­tio­nel­le ermorden.

Raúl Cas­tro, der sich als Orga­ni­sa­tor und Anfüh­rer von Stu­den­ten­pro­tes­ten gegen das Regime einen Namen gemacht hat­te, wur­de im März 1953 als Lei­ter der kuba­ni­schen Dele­ga­ti­on zu einer von der kom­mu­nis­ti­schen Welt­ju­gend ver­an­stal­te­ten Kon­fe­renz nach Wien geschickt. Drei Mona­te nach sei­ner Rück­kehr – an Bord eines Schif­fes, auf dem eine lebens­lan­ge Freund­schaft mit dem sowje­ti­schen Diplo­ma­ten und spä­te­ren KGB-Gene­ral Niko­lai Leo­now begann – wur­de er von der Batis­­ta-Poli­­zei ver­haf­tet. Noch im berüch­tig­ten Gefäng­nis »Pri­sión del Cas­til­lo del Prin­ci­pe« trat er – trotz Dro­hun­gen und Schlä­gen – dem Jugend­ver­band der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei bei, die sich zu die­ser Zeit noch Sozia­lis­ti­sche Volks­par­tei nannte.

Da die Poli­zei kei­ne juris­ti­schen Grün­de für die Haft ange­ben konn­te, muss­te sie Raúl schließ­lich frei­las­sen. Nur einen Monat spä­ter saß der jun­ge Stu­den­ten­füh­rer im Zug nach Sant­ia­go. Am 26. Juli 1953 betei­lig­te er sich am Angriff auf die Mon­­ca­­da-Kaser­­ne in Sant­ia­go de Cuba und die Kaser­ne Car­los Manu­el de Cés­pe­des in Baya­mo, der zunächst zwar ein mili­tä­ri­scher Fehl­schlag war, sich dann aber als zün­den­der Fun­ke der Kuba­ni­schen Revo­lu­ti­on erwies. Raúl Cas­tro wur­de aber­mals ver­haf­tet und im Mon­­ca­­da-Pro­­zess zu 13 Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Nach anhal­ten­den Pro­tes­ten der Bevöl­ke­rung ver­kün­de­te Batis­ta im Mai 1955 eine Amnes­tie und ließ auch die auf der Isla de Pinos ein­ge­ker­ker­ten Revo­lu­tio­nä­re frei. Von der Haft unge­bro­chen, gaben die­se ihrer Bewe­gung den Namen »Movi­mi­en­to 26–7«, kurz M‑26–7. Raúl Cas­tro bat in der mexi­ka­ni­schen Bot­schaft um poli­ti­sches Asyl und traf als ers­ter »Mon­ca­dist« im Juni 1955 in Mexi­­ko-Stadt ein.

USA set­zen auf Terror

Dort lern­ten er und Fidel den aus Gua­te­ma­la geflo­he­nen argen­ti­ni­schen Arzt Ernes­to Gue­va­ra ken­nen, dem nach US-ame­ri­­ka­­ni­­schen Bom­ben­ab­wür­fen auf Gua­­te­­ma­­la-Stadt, einem von der CIA orga­ni­sier­ten Putsch gegen den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Prä­si­den­ten Jaco­bo Árbenz und einer US-Söl­d­­ner­in­va­­si­on eben­falls Schutz in Mexi­ko gewährt wor­den war. Im Novem­ber 1956 sta­chen 82 Gue­ril­le­ros des M‑26–7, dar­un­ter Raúl und Fidel Cas­tro sowie Che Gue­va­ra, mit der Yacht »Gran­ma« in See und erreich­ten Anfang Dezem­ber den Osten Kubas. Fidel Cas­tro ernann­te sei­nen jün­ge­ren Bru­der zum Coman­dan­te und über­trug ihm die Lei­tung einer nach dem ermor­de­ten Revo­lu­tio­när Frank País benann­ten Kolon­ne. Unter Raúl Cas­tros Füh­rung bau­ten die Rebel­len im Osten der Insel eine zwei­te Front auf. Ein dem US-Kon­­­zern United Fruit Com­pa­ny gehö­ren­des Gebiet – etwa von der Grö­ße Schles­­wig-Hol­steins – wur­de zur »Repú­b­li­ca Rebel­de« erklärt. Raúl Cas­tro erließ eine Art Ver­fas­sung (Ley Orgá­ni­ca) und ließ inner­halb weni­ger Mona­te 500 Schu­len und Dut­zen­de Kran­ken­häu­ser bau­en. In die­ser Zeit sei er von einem mili­tä­ri­schen Anfüh­rer zum stra­te­gisch den­ken­den Poli­ti­ker gereift, schrieb Niko­lai Leo­now in einer Bio­gra­phie über sei­nen Freund.

Nach dem Sieg der Revo­lu­ti­on hat­ten die USA Anfang 1959 drei Zer­stö­rer und zwei U‑Boote nach Havan­na geschickt. »Wenn Sie Trup­pen in Marsch set­zen, wer­den Tau­sen­de ster­ben«, warn­te Fidel Cas­tro Washing­ton vor einer Inva­si­on. Am 2. Febru­ar 1959 ernann­te der Minis­ter­rat Raúl Cas­tro, der damit auch zum jüngs­ten Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter der Welt wur­de, zum ers­ten Stell­ver­tre­ter des Coman­dan­te en Jefe. In die­ser Funk­ti­on bau­te er die Streit­kräf­te vom Instru­ment zur Unter­drü­ckung des Vol­kes zu einer aus Arbei­tern und Bau­ern bestehen­den revo­lu­tio­nä­ren Volks­ar­mee um. Nach der geschei­ter­ten CIA-Inva­­si­on in der Schwei­ne­bucht 1961 stan­den Kubas Fuerz­as Arma­das Revo­lu­cio­na­ri­as (FAR) bald vor wei­te­ren Herausforderungen.

Da auch die US-Blo­ck­a­­de nicht zum Sturz der Regie­rung in Havan­na führ­te, setz­ten in die USA geflo­he­ne Batis­­ta-Anhän­­ger zuneh­mend auf Ter­ror. Am 6. Okto­ber 1976 explo­dier­te an Bord einer DC‑8 der Cuba­na de Avia­ción eine Bom­be. 73 Pas­sa­gie­re und Besat­zungs­mit­glie­der wur­den in der Luft zer­ris­sen. Die von den Behör­den in Bar­ba­dos als Täter ermit­tel­ten ehe­ma­li­gen CIA-Agen­­ten Orlan­do Bosch und Luis Posa­da Car­ri­les leb­ten bis zu ihrem Tod unbe­hel­ligt in Miami. Von dort aus orga­ni­sier­te Posa­da Car­ri­les 1997 eine Serie von Ter­ror­an­schlä­gen gegen Hotels in Havan­na und Vara­de­ro, bei denen unter ande­rem der ita­lie­ni­sche Tou­rist Fabio di Cel­mo getö­tet wurde.

Zu einer der Ter­ror­grup­pen gehör­te auch José Basul­to, der bereits an der Inva­si­on in der Schwei­ne­bucht teil­ge­nom­men hat­te. Klein­flug­zeu­ge sei­ner Flie­ger­staf­fel »Her­ma­nos al Res­ca­te« waren wie­der­holt von Miami aus im Tief­flug über Havan­na gekreist und hat­ten Rauch­bom­ben oder Flug­blät­ter abge­wor­fen. Die US-Behör­­den igno­rier­ten Bit­ten der kuba­ni­schen Regie­rung, die Starts und Über­flü­ge zu unter­bin­den, da statt der Pam­phle­te ja auch gefähr­li­che Gegen­stän­de, Hand­gra­na­ten oder Bom­ben auf die Men­schen der Haupt­stadt nie­der­ge­hen könn­ten. Im Febru­ar 1996 schos­sen Abfang­jä­ger dar­auf­hin zwei in Miami gestar­te­te Maschi­nen der Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on ab, die ille­gal in kuba­ni­schen Luft­raum ein­ge­drun­gen waren, die Iden­ti­fi­zie­rung ver­wei­gert hat­ten und Auf­for­de­run­gen zum Ver­las­sen des Hoheits­ge­biets nicht nach­ge­kom­men waren. Obwohl jedes Land nach inter­na­tio­na­lem Recht zur Ver­tei­di­gung sei­nes Luft­raums gegen sich nicht iden­ti­fi­zie­ren­de Ein­dring­lin­ge befugt ist, klagt die US-Regie­rung den rang­höchs­ten noch leben­den Revo­lu­ti­ons­füh­rer des­we­gen nun 30 Jah­re spä­ter an. Damit knüpft das Trump-Regime offen­bar bewusst an die Ver­fol­gung Raúl Cas­tros durch die Batis­­ta-Dik­­ta­­tur an und schafft ein der Vor­be­rei­tung des US-Angriffs auf Vene­zue­la ähneln­des Szenario.

Vor­wand gesucht

Der vor allem von Trumps Außen­mi­nis­ter Mar­co Rubio geschür­te Hass rich­tet sich gegen einen 2008 gewähl­ten ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten, in des­sen Amts­zeit kuba­ni­schen Bür­gern frei­es Rei­sen und der Zugang zum Inter­net ermög­licht wur­den, außer­dem wur­de unter sei­ner Lei­tung das Wir­t­­schafts- und Gesell­schafts­mo­dell moder­ni­siert. Am 17. Dezem­ber 2014 hat­ten Raúl Cas­tro und der dama­li­ge US-Prä­­si­­dent Barack Oba­ma noch ange­kün­digt, die Bezie­hun­gen zwi­schen bei­den Län­dern zu nor­ma­li­sie­ren. Beim Besuch von Oba­ma in Kuba erklär­te Cas­tro im März 2016, so wie sei­ne Regie­rung nie­mals von den USA ver­lan­ge, ihr poli­ti­sches Sys­tem zu ändern, erwar­te sie, auch das ihre zu respek­tie­ren. Der Macht­an­tritt von Donald Trump mach­te die­se Hoff­nung zunich­te. Die Ankla­ge gegen Raúl Cas­tro zie­le tat­säch­lich dar­auf ab, »einen Vor­wand zu schaf­fen, um den Irr­sinn einer mili­tä­ri­schen Aggres­si­on gegen Kuba zu recht­fer­ti­gen«, warn­te der 2018 als des­sen Nach­fol­ger gewähl­te Prä­si­dent Miguel Díaz-Canel am 20. Mai.

Außen­mi­nis­ter Bru­no Rodrí­guez bezeich­ne­te die US-Ankla­­ge Anfang ver­gan­ge­ner Woche im UN-Sicher­heits­­rat als »mora­lisch ver­werf­li­chen und recht­lich will­kür­li­chen Akt«, der ein Bei­spiel für die Miss­ach­tung des Rechts ande­rer Staa­ten auf legi­ti­me Selbst­ver­tei­di­gung sei. Am vor­her­ge­hen­den Frei­tag hat­ten Tau­sen­de Kuba­ner vor der US-Bot­­schaft in Havan­na ihre Unter­stüt­zung für den Revo­lu­ti­ons­füh­rer bekun­det. Die Demons­tran­ten skan­dier­ten dabei »Lang lebe Raúl!« An die­sem Mitt­woch begeht der Kom­mu­nist, ehe­ma­li­ge Gue­ril­le­ro und Staats­mann Raúl Cas­tro sei­nen 95. Geburts­tag. Für Gra­tu­lan­ten aus aller Welt heißt es zu die­sem Anlass: »¡­Feli­ci­d­a­des Raúl!«