Refor­men auf Kuba: Pri­va­te Ban­ken gegen den Kollaps

By Published On: Juni 26, 2026Cate­go­ries: News

/Telepolis: 23. Juni 2026 Mar­cel Kunzmann/

Um den wirt­schaft­li­chen Zusam­men­bruch abzu­wen­den, refor­miert Havan­na sein Wirt­schafts­mo­dell und lässt erst­mals pri­va­tes Kapi­tal im Finanz­sek­tor zu.

Mit unge­wöhn­li­cher Geschwin­dig­keit hat Kuba ver­gan­ge­ne Woche ein umfas­sen­des Wirt­schafts­re­form­pa­ket durch sei­ne Insti­tu­tio­nen gebracht. Am Mitt­woch bil­lig­te das Zen­tral­ko­mi­tee der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei (PCC) die Maß­nah­men in einer außer­or­dent­li­chen Sit­zung, am Don­ners­tag stimm­te die Natio­nal­ver­samm­lung ein­stim­mig zu – nur weni­ge Tage nach der ers­ten öffent­li­chen Ankün­di­gung. Das Tem­po allein signa­li­siert, wie ernst die Lage ist.

Die Volks­wirt­schaft ist seit 2019 um rund zwölf Pro­zent ein­ge­bro­chen; für das lau­fen­de Jahr wird mit einer Fort­set­zung der Rezes­si­on gerech­net, nach­dem die USA im Janu­ar eine Ener­gie­blo­cka­de ver­häng­ten und ihre Sank­tio­nen maxi­mal ver­schärft haben. Die huma­ni­tä­re Lage auf der Insel ver­schlech­te­re sich zuneh­mend als direk­te Fol­ge der US-Maß­­nah­­men, warn­te zuletzt UN-Men­­schen­­rechts­­kom­­mis­­sar Vol­ker Türk.

Kol­laps der Ener­gie­ver­sor­gung: Kuba ohne Strom und Treibstoff

Nach­dem die USA Vene­zue­las Prä­si­dent Nicolás Madu­ro am 3. Janu­ar ent­führt hat­ten, kamen die ohne­hin bereits redu­zier­ten Ener­gie­lie­fe­run­gen aus Cara­cas voll­stän­dig zum Erliegen.

Als US-Prä­­si­­dent Donald Trump die “Über­nah­me” Kubas androh­te und Straf­zöl­le gegen jedes Land ankün­dig­te, das wei­ter­hin Öl an die Insel lie­fert, stell­ten auch ande­re Län­der die Belie­fe­rung ein. Seit Jah­res­be­ginn erreich­te nur ein ein­zi­ger Öltan­ker die Insel: Ein rus­si­sches Schiff brach­te Ende März rund 700.000 Bar­rel, die inner­halb weni­ger Wochen auf­ge­braucht waren.

Die Fol­gen sind gra­vie­rend: täg­li­che, lang anhal­ten­de Strom­aus­fäl­le, ver­kürz­te Arbeits- und Unter­richts­zei­ten, Aus­fall des Per­­so­­nen- und Güter­trans­ports, Was­ser­knapp­heit, abge­sag­te Ope­ra­tio­nen, ver­dor­be­ne Lebens­mit­tel und Müllan­samm­lun­gen sowie eine unge­brems­te Inflation.

Kuba pro­du­ziert selbst etwa 40 Pro­zent des benö­tig­ten Erd­öls; das hei­mi­sche, schwe­fel­hal­ti­ge Öl kann bis­lang jedoch nur zur Strom­erzeu­gung genutzt wer­den. Treib­stof­fe wie Ben­zin, Die­sel und Kero­sin müs­sen voll­stän­dig aus impor­tier­ten Roh­stof­fen raf­fi­niert werden.

“Unser gelieb­tes Kuba durch­lebt die schwie­rigs­ten Stun­den die­ses Jahr­hun­derts, und wir tra­gen die his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung, es zu ret­ten”, sag­te Prä­si­dent Miguel Díaz-Canel vor dem Zentralkomitee.

Reform des sozia­lis­ti­schen Modells: Pri­va­te Ban­ken und 99-Jahre-Pacht

Pre­mier­mi­nis­ter Manu­el Mar­re­ro stell­te die Maß­nah­men in einer fast zwei­stün­di­gen Rede vor den Abge­ord­ne­ten vor. Das Reform­pa­ket greift tief in das sozia­lis­ti­sche Wirt­schafts­mo­dell ein, Vor­bil­der sind expli­zit Chi­na und Vietnam.

Die wich­tigs­ten Ände­run­gen: Pri­va­te Unter­neh­men dür­fen künf­tig mehr als 100 Mit­ar­bei­ter beschäf­ti­gen; Unter­neh­mer kön­nen erst­mals meh­re­re Betrie­be gleich­zei­tig füh­ren. Die Lis­te im Pri­vat­sek­tor ver­bo­te­ner Tätig­kei­ten wird von 125 auf 55 redu­ziert. Staat­li­che Unter­neh­men kön­nen in Akti­en- oder Betei­li­gungs­ge­sell­schaf­ten umge­wan­delt wer­den, wobei der Staat in stra­te­gisch wich­ti­gen Sek­to­ren eine Mehr­heits­be­tei­li­gung behält.

Erst­mals wird pri­va­tes Kapi­tal auch im Finanz­sek­tor zuge­las­sen – ein­schließ­lich der Grün­dung pri­va­ter Ban­ken und Wech­sel­stu­ben unter Auf­sicht der Zen­tral­bank. Ein digi­ta­ler Devi­sen­markt soll den Kapi­tal­ver­kehr erleich­tern. Im Immo­bi­li­en­sek­tor ist die Ver­äu­ße­rung staat­li­cher Lie­gen­schaf­ten an in- und aus­län­di­sche Pri­vat­per­so­nen vor­ge­se­hen, aus­drück­lich auch an im Aus­land leben­de Kubaner.

Das staat­li­che Außen­han­dels­mo­no­pol ent­fällt; künf­tig sol­len alle Akteu­re, ein­schließ­lich Land­wir­te, direk­ten Zugang zum Außen­han­del erhal­ten. Letz­te­re kön­nen zusätz­lich zu Genos­sen­schaf­ten erst­mals pri­va­te Agrar­un­ter­neh­men grün­den. Die maxi­ma­le Ver­pach­tungs­dau­er von Land für aus­län­di­sche Inves­to­ren wird auf 99 Jah­re angehoben.

Auch der Tou­ris­mus­sek­tor soll für neue Akteu­re geöff­net wer­den: Rei­se­agen­tu­ren, Auto­ver­mie­tun­gen und wei­te­re Dienst­leis­tun­gen, die bis­her dem Staat vor­be­hal­ten waren, kön­nen künf­tig pri­vat betrie­ben wer­den. Bis­her als “stra­te­gisch” geschütz­te Desti­na­tio­nen wie die Alt­stadt von Havan­na oder Tri­ni­dad wer­den für Inves­ti­tio­nen aller Akteu­re freigegeben.

Die Preis­bil­dung soll nicht mehr zen­tral gesteu­ert, son­dern über Markt­me­cha­nis­men gere­gelt wer­den. “Die sozia­lis­ti­sche Pla­nung darf die Regeln des Mark­tes nicht igno­rie­ren, son­dern muss sie ein­be­zie­hen und im Sin­ne der natio­na­len Ent­wick­lung regu­lie­ren”, erklär­te Marrero.

Auf sozi­al­po­li­ti­scher Sei­te steigt der Min­dest­lohn ab Juli von 2.100 auf 3.110 Pesos – umge­rech­net rund vier Euro. Er soll künf­tig jähr­lich ange­passt wer­den. Die all­ge­mei­ne Sub­ven­tio­nie­rung von Pro­duk­ten soll durch geziel­te Trans­fer­leis­tun­gen an vul­nerable Grup­pen ersetzt wer­den; dafür wird ein neu­er Sozi­al­schutz­fonds ein­ge­rich­tet. Durch Zusam­men­le­gung von Minis­te­ri­en und Stel­len­ab­bau in der Ver­wal­tung sol­len Mit­tel für bes­se­re Löh­ne im öffen­t­­lich-finan­­zier­­ten Sek­tor frei­ge­setzt werden.

Díaz-Canel räum­te vor dem Zen­tral­ko­mi­tee aus­drück­lich ein, dass vie­le der jetzt beschlos­se­nen Maß­nah­men kei­ne neu­en Ideen sei­en: “Der Feh­ler lag nicht dar­in, sie vor­zu­schla­gen, son­dern dar­in, sie auf­zu­schie­ben – und die­se Pha­se des Auf­schie­bens muss ein Ende haben.”

Raúl Cas­tro, der sich aus der akti­ven Poli­tik zurück­ge­zo­gen hat, gab in einem Brief, der zunächst dem Polit­bü­ro und dann den Abge­ord­ne­ten vor­ge­le­sen wur­de, sein aus­drück­li­ches Ein­ver­ständ­nis für die Refor­men – ein sym­bo­lisch wich­ti­ger Schritt, der einen Kon­sens in den höchs­ten Ent­schei­dungs­gre­mi­en sicht­bar machen soll.

Die Ernst­haf­tig­keit des Unter­fan­gens wur­de auch dadurch unter­stri­chen, dass Díaz-Canel weni­ge Tage zuvor einen neu­en wirt­schaft­li­chen Bera­ter­stab ein­be­ru­fen ließ, der mehr­heit­lich aus kri­ti­schen Öko­no­men besteht, die bereits seit Jah­ren auf tie­fer­ge­hen­de Reform­schrit­te gedrängt haben. Vie­le von ihnen waren bereits Prot­ago­nis­ten der Reform­de­bat­ten der 1990er Jah­re, die im Zuge der Erho­lung der Wirt­schaft in Fol­ge vene­zo­la­ni­scher Erd­öl­lie­fe­run­gen und wach­sen­dem Tou­ris­mus im San­de verliefen.

Die tie­fer­lie­gen­den struk­tu­rel­len Pro­ble­me des Modells, wie die hohe Abhän­gig­keit von exter­nen Ein­nah­me­quel­len wie Geld­sen­dun­gen von Aus­lands­ku­ba­nern, Tou­ris­mus und vor­teil­haf­ter Han­dels­be­zie­hun­gen bei gleich­zei­tig unzu­rei­chen­der pro­duk­ti­ver Basis, blie­ben ungelöst.

Risi­ken der Markt­öff­nung: War­nung vor olig­ar­chi­scher Bereicherung

Kuba­ni­sche Öko­no­men und unab­hän­gi­ge Beob­ach­ter begrü­ßen die Rich­tung der Refor­men grund­sätz­lich – mah­nen aber zur Vor­sicht bei der Umsetzung.

Das Online­me­di­um Joven Cuba, das regel­mä­ßig kri­ti­sche wirt­schafts­po­li­ti­sche Ana­ly­sen ver­öf­fent­licht, schreibt in einem Edi­to­ri­al der Redak­ti­on, vie­le der Maß­nah­men sei­en von Öko­no­men “immer wie­der emp­foh­len” wor­den; dass man ihnen jetzt Gehör schen­ke, sei posi­tiv – bestä­ti­ge aber auch, “wie viel Zeit ver­lo­ren gegan­gen ist, bevor man an die­sen Punkt gelangt ist”.

Ein zen­tra­les Risi­ko sieht das Maga­zin beim Über­gang von der all­ge­mei­nen Pro­dukt­sub­ven­ti­on zu geziel­ten Trans­fers an Per­so­nen: Die­ser Schritt kön­ne not­wen­dig sein, “aber er ist nur dann legi­tim, wenn er sich in kon­kre­ten und ein­klag­ba­ren sozia­len Schutz­maß­nah­men nie­der­schlägt”. Es rei­che nicht, einen Fonds anzu­kün­di­gen; es müs­se klar defi­niert wer­den, wer geschützt wird, mit wel­chen Res­sour­cen und durch wel­che Insti­tu­tio­nen – gera­de ange­sichts stei­gen­der Prei­se und zuneh­men­der Dollarisierung.

Beim The­ma Umwand­lung von Staats­un­ter­neh­men in Akti­en­ge­sell­schaf­ten warnt die Ana­ly­se vor feh­len­der Trans­pa­renz: Ohne öffent­li­che Aus­schrei­bun­gen, unab­hän­gi­ge Prüf­in­stan­zen und offen­ge­leg­te Inter­es­sen­kon­flik­te kön­ne der Pro­zess “in die olig­ar­chi­sche Aneig­nung öffent­li­cher Ver­mö­gens­wer­te” münden.

Die Geschich­te ehe­ma­li­ger sozia­lis­ti­scher Staa­ten zei­ge, dass wirt­schaft­li­che Öff­nun­gen ohne Trans­pa­renz und Kon­trol­le zu “tief unglei­chen, olig­ar­chi­schen Kapi­ta­lis­men” füh­ren könn­ten. Auch Kuba sei davor nicht gefeit.

Díaz-Canel kün­dig­te an, die Umset­zung der Refor­men sol­le “in Pha­sen und anhand über­prüf­ba­rer Pilot­pro­jek­te” erfol­gen. Mar­re­ro ver­wies auf eine ein­zu­rich­ten­de Arbeits­grup­pe, die die Aus­wir­kun­gen auf die Rechts­ord­nung ver­wal­ten soll.

Über 100 bestehen­de Rechts­nor­men müs­sen geän­dert, auf­ge­ho­ben oder neu geschaf­fen wer­den. Ein kon­kre­ter Zeit­plan wur­de nicht genannt, aller­dings wur­de bereits kurz nach der Ankün­di­gung der ers­te Schritt in Geset­zes­form gegos­sen: Die Preis­ober­gren­zen für bestimm­te Grund­nah­rungs­mit­tel sind auf­ge­ho­ben.

Chan­cen für Kubas KMU und den pri­va­ten Kraftstoffhandel

Das in vie­len inter­na­tio­na­len Medi­en immer wie­der bemüh­te Kli­schee­bild des McDonald’s, der bald ins sozia­lis­ti­sche Kuba kom­me, durf­te indes bei der Bericht­erstat­tung auch dies­mal nicht feh­len.

“McDonald’s in Havan­na? […] Auch Fast-Food-Ket­­ten sind will­kom­men”, titel­te etwa der Tages­spie­gel ana­log zu vie­len ande­ren Medi­en. Es stimmt zwar, dass die Mög­lich­keit zur Ein­rich­tung aus­län­di­scher Fran­chise­un­ter­neh­men tat­säch­lich geschaf­fen wur­de, doch ist das The­ma ange­sichts der aktu­el­len San­k­­ti­ons- und Wirt­schafts­la­ge in Kuba selbst bes­ten­falls eine Randnotiz.

Tat­säch­lich kön­nen vie­le der Refor­men erst rich­tig grei­fen, wenn sich die exter­nen Umstän­de ändern – sprich, wenn die USA ihre Sank­tio­nen zurück­fah­ren, oder befreun­de­te Län­der wie Russ­land und Mexi­ko ihre Unter­stüt­zung im Ener­gie­be­reich aus­wei­ten (kön­nen).

Eini­ge der Schrit­te dürf­ten jedoch schon kurz­fris­ti­ge Effek­te haben, unter ande­rem die Dezen­tra­li­sie­rung der Geneh­mi­gun­gen von klei­nen und mitt­le­ren Unter­neh­men (KMU): Seit 2021 wur­den 12.700 KMU in Kuba geneh­migt, aller­dings lie­gen rund 7.200 Anträ­ge auf Hal­de, nach­dem der Geneh­mi­gungs­pro­zess de fac­to ein­ge­fro­ren wur­de. Das könn­te sich jetzt rasch ändern und hät­te selbst in der aktu­el­len Ener­gie­kri­se zwar begrenz­te, aber spür­ba­re Auswirkungen.

Die neu­en Mög­lich­kei­ten im Bereich des Außen- und Kraft­stoff­han­dels könn­ten indes sogar einen Schlüs­sel beinhal­ten, die Kar­ten im Ver­hand­lungs­po­ker mit den USA neu zu mischen.

Öllie­fe­run­gen über Pri­vat­fir­men: Mexi­kos Prä­si­den­tin Shein­baum for­dert Trump heraus

Kaum waren die Refor­men ver­ab­schie­det, mel­de­te sich Mexi­kos Prä­si­den­tin Clau­dia Shein­baum zu Wort. Am Mon­tag kün­dig­te sie an, dass Mexi­ko die Öllie­fe­run­gen nach Kuba bald­mög­lichst wie­der­auf­neh­men wol­le – dies­mal jedoch nicht über staat­li­che Unter­neh­men, son­dern über pri­va­te mexi­ka­ni­sche Handelsunternehmen.

“Der Mecha­nis­mus wür­de über Pri­vat­un­ter­neh­men lau­fen, die über Geneh­mi­gun­gen für den Kraft­stoff­trans­port nach Kuba ver­fü­gen”, erklär­te Shein­baum, ohne wei­te­re Ein­zel­hei­ten zu nen­nen. “Wir hof­fen, dass der kom­mer­zi­el­le Trans­port bald wie­der auf­ge­nom­men wer­den kann”, füg­te sie hin­zu. Mexi­ko war der letz­te regel­mä­ßi­ge Lie­fe­rant Kubas nach den Zoll­an­dro­hun­gen Trumps im Januar.

Der ent­schei­den­de Kniff an Shein­baums Plan liegt in sei­ner recht­li­chen Kon­struk­ti­on. Kubas neu ver­ab­schie­de­te Refor­men erlau­ben aus­drück­lich die Betei­li­gung von pri­va­tem und aus­län­di­schem Kapi­tal am Import und an der Ver­mark­tung von Kraft­stof­fen, ein­schließ­lich des Einzelhandelsnetzes.

Auch der Pri­vat­sek­tor kann künf­tig eige­ne Tank­stel­len betrei­ben und direkt mit aus­län­di­schen Anbie­tern Ver­trä­ge schlie­ßen. Indem die Lie­fe­run­gen über pri­va­te mexi­ka­ni­sche Han­dels­un­ter­neh­men abge­wi­ckelt wer­den, umgeht Mexi­ko zumin­dest for­mal den direk­ten Staats­han­del, den Trumps Dro­hun­gen bis­her pri­mär ins Visier genom­men hatten.

Ob die­ses Kon­strukt dem Druck aus Washing­ton stand­hält, ist jedoch offen. Trumps Zoll­dro­hun­gen rich­te­ten sich pau­schal gegen jedes Land, das Kuba mit Öl ver­sorgt – unab­hän­gig davon, ob dies über staat­li­che oder pri­va­te Akteu­re geschieht. Der neue mexi­ka­ni­sche Ansatz dürf­te damit zu einem ers­ten prak­ti­schen Test dafür wer­den, wie weit die Trump-Admi­­nis­­tra­­ti­on ihre Dro­hun­gen gegen­über einem ihrer wich­tigs­ten Han­dels­part­ner tat­säch­lich durch­set­zen will und kann.

Öff­nung als Strategie

US-Außen­­mi­­nis­­ter Mar­co Rubio hält unter­des­sen am Ziel eines Sys­tem­wech­sels in Havan­na fest. Ein Spre­cher sei­nes Minis­te­ri­ums wies die Refor­men als “zurück­hal­tend, längst über­fäl­lig und letzt­lich nur ober­fläch­li­che Rauch­zei­chen des kuba­ni­schen Regimes” zurück.

Ein zen­tra­les Kal­kül der kuba­ni­schen Reform­stra­te­gie dürf­te jedoch genau hier anset­zen: Der Ver­such, einen Keil zwi­schen US-ame­ri­­ka­­ni­­sche Wirt­schafts­in­ter­es­sen – so Trump-affin sie auch sein mögen – und die ein­fluss­rei­che Grup­pe der rech­ten Aus­lands­ku­ba­ner in Flo­ri­da zu trei­ben, die auf Rubio setzen.

Wer pri­vat in Immo­bi­li­en auf der Insel inves­tie­ren und an einem sich öff­nen­den Markt par­ti­zi­pie­ren kann, hat plötz­lich ein hand­fes­tes Inter­es­se an Ent­span­nung – unab­hän­gig von der poli­ti­schen Rhe­to­rik in Washing­ton. Ob die Rech­nung auf­geht, ist offen. Aber es ist nicht unrea­lis­tisch, dass der Ansatz teil­wei­se verfängt.

Díaz-Canel bekräf­tig­te sei­ner­seits die Bereit­schaft sei­ner Regie­rung, mit Washing­ton “ohne Hass, aber ohne Angst” über alle The­men zu spre­chen, und rich­te­te an die US-Regie­rung den Appell: “Wenn Sie dem kuba­ni­schen Volk wirk­lich hel­fen wol­len, las­sen Sie es leben.”

US-Blo­ck­a­­de gegen Havan­na: Die pas­si­ve Rol­le der EU und Deutschlands

Wäh­rend Mexi­ko und Bra­si­li­en als mög­li­che Beglei­ter eines Reform­pro­zes­ses in Kuba gehan­delt wer­den, fällt die Rol­le der Euro­päi­schen Uni­on beschei­den aus. Die Poli­to­lo­gin und ehe­ma­li­ge Diplo­ma­tin San­dra Weiss zieht im IPG-Jour­nal eine ernüch­tern­de Bilanz: Die EU habe sich im Zusam­men­hang mit Kuba “selbst ins Abseits” manövriert.

Zunächst habe Trump mit sei­nen Sank­tio­nen die meis­ten euro­päi­schen Unter­neh­men dazu gezwun­gen, ihre Inves­ti­tio­nen in und Geschäf­te mit Kuba auf­zu­ge­ben, “ohne dass Brüs­sel dem irgend­et­was ent­ge­gen­ge­setzt hätte”.

Kurz dar­auf for­der­te das Euro­pa­par­la­ment mit einer Mehr­heit rech­ter und kon­ser­va­ti­ver Abge­ord­ne­ter Sank­tio­nen gegen Díaz-Canel und ein Ende der Koope­ra­ti­on mit Kuba – “also ganz im Sin­ne und Geis­te Trumps, ohne auch nur den Hauch eigen­stän­di­ger Ideen zur Ver­tei­di­gung euro­päi­scher Inter­es­sen”, wie Weiss schreibt. Sie wer­tet dies als “wei­te­ren klei­nen Schritt in die geo­po­li­ti­sche und geo­öko­no­mi­sche Irrele­vanz” der EU.

Auch Deutsch­land trägt den Kurs mit: Beim Tag der offe­nen Tür des Aus­wär­ti­gen Amts am 21. Juni 2026 wur­de Außen­mi­nis­ter Johann Wade­phul (CDU) von einem Bür­ger gefragt, war­um die Bun­des­re­gie­rung die US-Blo­ck­a­­de gegen Kuba nicht deut­li­cher als völ­ker­rechts­wid­rig ver­ur­tei­le. Wade­phul ant­wor­te­te, er sehe “eine der­ar­ti­ge Blo­cka­de, wie Sie sie beschrie­ben haben” nicht. Statt­des­sen ver­wies er auf die innen­po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se der Insel.

Dass auch die Bun­des­re­pu­blik jedes Jahr in der UN-Vol­l­­ver­­­sam­m­­lung gegen die US-Blo­ck­a­­de stimmt, war ihm genau­so wenig eine Sil­be wert, wie der vom UN-Men­­schen­­rechts­rat klar benann­te Zusam­men­hang zwi­schen Ener­gie­blo­cka­de und huma­ni­tä­rer Lage.

Die ent­schei­den­de Vor­aus­set­zung für eine Ver­bes­se­rung der Ver­hält­nis­se in Kuba? “Bes­se­re Regie­rung.” Eine eigen­stän­di­ge deut­sche Außen­po­li­tik, die eine pro­ak­ti­ve Rol­le spie­len will und das Völ­ker­recht auch gegen­über Washing­ton ver­tritt, geht anders.

Kubas Zukunft ent­schei­det sich an der Öl-Frage

Kuba ver­sucht, mit innen­po­li­ti­schen Mit­teln auf außen­po­li­ti­schen Druck zu reagie­ren – und tes­tet damit, wer bereit ist, die neu­en Spiel­räu­me zu nut­zen. Mexi­ko nimmt die­sen Test an, mit einem juris­tisch cle­ve­ren Kon­strukt, das Washing­ton zu einer kla­ren Ent­schei­dung zwingt. Die EU und Deutsch­land hin­ge­gen haben sich bereits aus dem Spiel genom­men und ent­schie­den, Trumps huma­ni­tä­rer Kata­stro­phe mit Ansa­ge frei­en Lauf zu lassen.

Ob sich dem Land eine Per­spek­ti­ve auf­tut und die Refor­men wirk­lich zu einer Ver­bes­se­rung der Lage der Bevöl­ke­rung bei­tra­gen kön­nen, hängt am Ende weni­ger von McDonald’s‑Schlagzeilen oder geo­po­li­ti­schen Sonn­tags­re­den ab als von einer nüch­ter­nen Fra­ge: Wer lie­fert Öl – und zu wel­chem Preis, poli­tisch wie ökonomisch?