War­um sehen Sie hier Aufklärungsbedarf?

By Published On: Juni 19, 2026Cate­go­ries: News

Jun­ge Welt/20.06.26/Interview: Annusch­ka Zak/

EU-Reso­lu­­ti­on gegen Kuba: Die Abge­ord­ne­ten beu­gen sich Washing­ton – ein Blan­ko­scheck für Trump, kri­ti­siert Gior­gia Vernetti.

Am Don­ners­tag hat das EU-Par­la­­ment in Stras­bourg über eine Reso­lu­ti­on zu Kuba abge­stimmt. Dar­in wird »die sys­te­ma­ti­sche Unterdrückung durch das kuba­ni­sche Regime« ver­ur­teilt und »tief­grei­fen­de wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Veränderungen« gefor­dert. Wie ste­hen Sie dazu?

Am Mitt­woch waren wir auf den Stra­ßen und haben Euro­pa auf­ge­for­dert, sich für sei­ne eige­ne Souveränität zu ent­schei­den. Am Don­ners­tag hat das Par­la­ment statt des­sen ent­schie­den, sich Washing­ton zu beu­gen, und die­se Reso­lu­ti­on ange­nom­men, die von rech­ten und kon­ser­va­ti­ven Kräften ein­ge­bracht wor­den war. Der Ent­schluss enthält kei­ner­lei Hin­weis auf die Blo­cka­de durch die Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Die Ver­ant­wor­tung für die humanitäre Kri­se, von der elf Mil­lio­nen Kuba­ner betrof­fen sind, wird vollständig der Regie­rung in Havan­na zuge­schrie­ben. Das EU-Par­la­­ment for­dert einen »raschen Übergang« zu einem mehr­par­tei­li­chen, markt­ori­en­tier­ten Sys­tem, die Aus­set­zung aller Bezie­hun­gen zu den kuba­ni­schen Behörden sowie die Unterstützung von rech­ten Oppo­si­ti­ons­or­ga­ni­sa­tio­nen mit Sitz in Miami.

In der mit 283 zu 199 Stim­men bei 85 Ent­hal­tun­gen ange­nom­me­nen Reso­lu­ti­on erklären die EU- Abge­ord­ne­ten, dass Kuba nach »fünf Jahr­zehn­ten kom­mu­nis­ti­scher Herr­schaft kurz davor steht, ein geschei­ter­ter Staat« zu wer­den. Betont wird tatsächlich, dass die der­zei­ti­ge humanitäre Not­la­ge – 89 Pro­zent der Fami­li­en leben in extre­mer Armut – »nicht das Ergeb­nis eines exter­nen Embar­gos, son­dern die direk­te Fol­ge des regi­me­ei­ge­nen Modells und des­sen Ver­sa­gen« sei. Was ent­geg­nen Sie dem?

Das liest sich fast wie eine Vor­ab­ge­neh­mi­gung – ein Blan­ko­scheck für Präsident Trump, der seit Mona­ten offen die Möglichkeit einer militärischen Inter­ven­ti­on ins Spiel bringt. Kein ein­zi­ges Wort im ver­ab­schie­de­ten Text befasst sich mit dem extra­ter­ri­to­ria­len Cha­rak­ter der US-San­k­­tio­­nen, die täglich auch europäische Unter­neh­men und Bürger betref­fen, die legi­ti­me Han­dels­be­zie­hun­gen mit der Insel unter­hal­ten. Es gibt kei­nen Hin­weis auf das EU-Blo­­cking-Sta­­tut, das genau dazu ver­ab­schie­det wur­de, um zu ver­hin­dern, dass europäische Unter­neh­men gezwun­gen wer­den, Washing­tons außen­po­li­ti­schen Vor­ga­ben zu befolgen.

In Kuba fehlt es gera­de an fast allem. Nun wur­de eine wirt­schaft­li­che Öffnung verkündet, die den kuba­ni­schen Sozia­lis­mus bedro­hen könnte. War­um haben Sie sich ent­schlos­sen, eine

Solidaritätskampagne zu starten?

Kuba lei­det unter einer kol­lek­ti­ven Bestra­fung impe­ria­lis­ti­scher Prägung. Unser Pro­jekt namens »Let Cuba Brea­the« begann als Infor­ma­ti­ons­kam­pa­gne, um in Euro­pa zu erklären, was es bedeu­tet, unter einer Wirtschafts‑, Han­­dels- und Finanz­blo­cka­de zu leben. Einer Blo­cka­de, die dem kuba­ni­schen Volk inzwi­schen seit mehr als 65 Jah­ren ein­sei­tig von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf­er­legt wird. Die Verschärfung der Blo­cka­de in den letz­ten Mona­ten hat uns dazu ver­an­lasst, zwei Rei­sen nach Kuba zu orga­ni­sie­ren und uns der inter­na­tio­na­len Mis­si­on »Nues­tra América« anzu­schlie­ßen. Nach­dem wir mit dem ICAP, dem kuba­ni­schen Insti­tut für Völkerfreundschaft, gespro­chen hat­ten, ent­schie­den wir uns für unse­re Euro­­pa-Tour: Den gan­zen Juni 2026 wird ein Wohn­mo­bil mit dem Logo der Kam­pa­gne durch Euro­pa fah­ren und auf Plätzen, in Kul­tur­zen­tren und öffentlichen Sälen eine Rei­he von Events veranstalten.

Sie fah­ren vie­le europäische Städte an, unter ande­rem Ams­ter­dam, Ber­lin und Prag. War­um sehen Sie dort drin­gen­den Aufklärungsbedarf?

Über Kuba wird hier in Euro­pa sehr wenig gespro­chen, obwohl allein in den letz­ten drei Mona­ten Dut­zen­de europäische Unter­neh­men ihre Verträge mit Kuba unter dem Druck und der Andro­hung von Sank­tio­nen gekündigt haben. Offi­zi­el­le Quel­len zu Unter­neh­men wie Meliá Hotels Inter­na­tio­nal, der Ibe­­r­o­­star-Grup­­pe, Air France, Ibe­ria und Hapag-Lloyd sind leicht zugänglich. Wir wol­len uns den ver­schie­de­nen europäischen Solidaritätsbewegungen anschlie­ßen, die bereits Initia­ti­ven, Mobi­li­sie­run­gen und Demons­tra­tio­nen orga­ni­sie­ren. Um gemein­sam von den europäischen Insti­tu­tio­nen zu for­dern, dass sie sich gegen die Blo­cka­de wenden.

https://www.jungewelt.de/artikel/524577.unblock-cuba-warum-sehen-sie-hier-aufklärungsbedarf.html