Kuba bleibt realistisch

By Published On: Juni 19, 2026Cate­go­ries: News

Jun­ge Welt / 20.06.2026 /Von Kurt Terstegen/

Das Par­la­ment der Kari­bik­in­sel beschließt markt­wirt­schaft­li­che Öffnung. Doch am sozia­lis­ti­schen Pro­jekt wird festgehalten.

Unter dem Druck einer seit Jah­res­be­ginn dras­tisch verschärften US-Blo­ck­a­­de und Ein­marsch­dro­hun­gen hat die Natio­nal­ver­samm­lung auf Kuba weit­rei­chen­de Wirt­schafts­re­for­men beschlos­sen. Die­se sehen eine teil­wei­se Abkehr von der sozia­lis­ti­schen Plan­wirt­schaft zuguns­ten markt­wirt­schaft­li­cher Mecha­nis­men und eine wei­te­re Öffnung für ausländisches Kapi­tal vor. »Kuba, unser gelieb­te Kuba, durch­lebt der­zeit die schwie­rigs­ten Stun­den die­ses Jahr­hun­derts und wir tra­gen die his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung, es zu ret­ten«, erklärte der kuba­ni­sche Präsident Miguel Díaz-Canel nach der Abstim­mung am Don­ners­tag (Orts­zeit).

Zu Beginn einer außer­or­dent­li­chen Ple­nar­sit­zung des Zen­tral­ko­mi­tees der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Kubas am Mitt­woch hat­te Organisationssekretär Rober­to Mora­les Oje­da betont, dass Kuba nicht nur Wider­stand leis­te, son­dern aktiv nach Alter­na­ti­ven suche, um die Revo­lu­ti­on und die sozia­lis­ti­schen Errun­gen­schaf­ten zu bewah­ren. In einer Video­bot­schaft an die Ver­samm­lung bekräftigte Raúl Cas­tro sei­ne Unterstützung für die Refor­men. Der 95jährige ehe­ma­li­ge Staatspräsident rief zur gemein­sa­men Feh­ler­ana­ly­se auf und beton­te, ent­schei­dend sei nicht allein die Ver­ab­schie­dung der Maß­nah­men, son­dern deren kon­se­quen­te Umset­zung unter akti­ver Betei­li­gung der Bevölkerung.

Das von Pre­mier­mi­nis­ter Manu­el Mar­re­ro Cruz dem Par­la­ment vor­ge­leg­te Paket von 176 Punk­ten umfasst die Neu­aus­rich­tung des Wirt­schafts­ma­nage­ment­mo­dells, die Stärkung kom­mu­na­ler Auto­no­mie, tief­grei­fen­de Sub­ven­ti­ons­re­for­men und die Veränderung des kuba­ni­schen Ban­ken­sys­tems. So wer­den künftig pri­va­te Immo­bi­li­en­pro­jek­te zuge­las­sen, pri­va­te Ban­ken erhal­ten Zugang zum Finanz­sek­tor und Kuba­ner sowie Ausländer können Akti­en von Staats­be­trie­ben erwer­ben. Wel­che Betrie­be kon­kret pri­va­ti­siert wer­den, wur­de noch nicht bekannt­ge­ge­ben. Geneh­mi­gun­gen für Pri­vat­un­ter­neh­men wer­den erwei­tert. Kuba­ner im In- und Aus­land dürfen in den Tou­ris­mus inves­tie­ren. Pri­va­te Betrie­be sol­len Waren ohne die bis­he­ri­ge staat­li­che Ver­mitt­lung impor­tie­ren und expor­tie­ren. Zudem plant die Regie­rung eine Ver­klei­ne­rung des Staats­ap­pa­rats durch die Redu­zie­rung von 27 auf 20 Minis­te­ri­en. Mar­re­ro unter­strich, dass die Maß­nah­men nicht als Abwei­chung vom sozia­lis­ti­schen Pro­jekt, son­dern als des­sen not­wen­di­ge Wei­ter­ent­wick­lung zu ver­ste­hen sei­en. Das Wirt­schafts­mo­dell wer­de umge­wan­delt, ohne die Prin­zi­pi­en der Revo­lu­ti­on von 1959 unter Führung Fidel Cas­tros auf­zu­ge­ben. Die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei setzt dabei auf Ein­heit und brei­te gesell­schaft­li­che Diskussion.

Der Präsident hat nach Infor­ma­tio­nen der spa­ni­schen Nach­rich­ten­agen­tur Efe ein neu­es fünfköpfiges

Wirt­schafts­be­ra­ter­gre­mi­um ein­ge­setzt, dem auch regie­rungs­kri­ti­sche Ökonomen angehören. Zum Kern des Gre­mi­ums gehören die Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Omar Ever­le­ny, Juan Tria­na und Julio Car­ran­za. Das Gre­mi­um, ergänzt durch den Exwirt­schafts­mi­nis­ter José Luis Rodríguez García, hielt am Diens­tag sei­ne ers­te inhalt­li­che Arbeits­sit­zung ab.

Die Vorschläge der drei Bera­ter, die bereits während der »Período espe­cial« in den 1990er Jah­ren Struk­tur­re­for­men for­der­ten, wei­sen eine gemein­sa­me Ten­denz auf: stärkere Nut­zung von Markt­me­cha­nis­men im sozia­lis­ti­schen Rah­men, höhere Gewich­tung des Pri­vat­sek­tors und ausländischer Inves­ti­tio­nen und mehr Eigenständigkeit für Staatsbetriebe.

Die Dring­lich­keit des Han­delns ergibt sich aus der schwers­ten mul­ti­di­men­sio­na­len Kri­se seit der »Son­der­pe­ri­ode« der 1990er Jah­re. Seit Janu­ar hat Washing­ton sei­ne bereits seit sechs Jahr­zehn­ten bestehen­de Wirt­schafts­blo­cka­de gegen Kuba wei­ter verschärft und den Import von Erdöl und Treib­stoff unter­bun­den. Eine Fol­ge sind Stromausfälle von durch­schnitt­lich 20 Stun­den am Tag. Ausländische Hotel­ket­ten, Ree­de­rei­en und Ban­ken haben ihre Aktivitäten aus Angst vor US-San­k­­tio­­nen teils vollständig zurückgefahren.

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