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By Published On: Okto­ber 15, 2026Cate­go­ries: News

Kuba öffnet sei­ne Wirt­schaft für pri­va­tes Kapi­tal und will den Staat umbau­en. Dabei stellt sich die Fra­ge, ob die Wirt­schafts­re­form ein Aus­weg aus der Kri­se oder eine Abkehr vom Sozia­lis­mus ist.

14.10.2026: Von Bri­git­te Schiff­ler (Tages­zei­tung jun­ge Welt)

Ein­ver­nehm­lich ohne Gegen­stim­men hat die Natio­nal­ver­samm­lung Kubas am 18. Juni 2026 weit­rei­chen­de Maß­nah­men ver­ab­schie­det, die zur Erfüllung des Regie­rungs­pro­gramms für 2026 bei­tra­gen sowie das Produktions‑, Export- und Inves­ti­ti­ons­ni­veau wie­der­her­stel­len sol­len. Der Maß­nah­men­ka­ta­log umfasst 176 ver­schie­de­ne Ein­zel­maß­nah­men, geglie­dert in 23 Schwerpunkte.1 Präsident Miguel Díaz-Canel kom­men­tier­te, dass es sich um markt­ori­en­tier­te Refor­men hand­le, die von den Erfah­run­gen Chi­nas und Viet­nams inspi­riert sei­en, die sich eben­falls wirt­schaft­lich geöffnet, ihre poli­ti­schen Sys­te­me aber bei­be­hal­ten hätten. Die Refor­men ver­folg­ten das Ziel, die Wirt­schaft zu dezen­tra­li­sie­ren, die Struk­tu­ren der staat­li­chen Unter­neh­men zu verändern, die Möglichkeiten für Pri­vat­un­ter­neh­men zu erwei­tern sowie Inves­ti­tio­nen von im Aus­land leben­den Kuba­nern zu fördern. Díaz-Canel und Pre­mier­mi­nis­ter Manu­el Mar­re­ro Cruz wie­sen vor der Natio­nal­ver­samm­lung sowie dem Zen­tral­ko­mi­tee der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Kubas expli­zit dar­auf hin, dass beab­sich­tigt sei, an einem alter­na­ti­ven Gesell­schafts­mo­dell fest­zu­hal­ten, die Refor­men also kei­ne Abkehr vom Sozia­lis­mus bedeu­ten würden.2 Díaz-Canel beton­te zudem, es hand­le sich nicht um eine Ant­wort auf die US-Stra­­te­­gie des Aus­hun­gerns: »Über Veränderungen wird nicht mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ver­han­delt. Sie sind eine souveräne Ent­schei­dung Kubas.«

Auch wenn die USA gegenüber Kuba einen Krieg führen, der mitt­ler­wei­le all­um­fas­send und außer­halb jeder völkerrechtlichen Norm geführt wird, ist es für die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ers­te Pflicht, aus der Kri­se, die das Leben der Bevölkerung so hart macht, durch eige­nes Han­deln her­aus­zu­kom­men. Die 176 Maß­nah­men, von denen 158 Refor­men bereits umge­setzt sind, wie Mar­re­ro Cruz am 27. Sep­tem­ber 2026 bekannt­gab, wer­den als Fortführung der Leit­li­ni­en der Wir­t­­schafts- und Sozi­al­po­li­tik ange­se­hen, die auf den ver­gan­ge­nen drei Par­tei­ta­gen ver­ab­schie­det wur­den. Während die kuba­ni­sche Führung alles dafür tut, die Kontinuität der Vorschläge mit der bis­he­ri­gen Poli­tik zu beto­nen, wer­den die Maß­nah­men in der west­li­chen Pres­se indes als Zugeständnisse an den Kapi­ta­lis­mus inter­pre­tiert, da Kuba kurz vor dem endgültigen Zusam­men­bruch stehe.

Oppo­si­ti­on eingebunden

Die Regie­rung setz­te par­al­lel zur Ankündigung der Maß­nah­men einen Bera­tungs­aus­schuss für Wirt­schafts­re­for­men ein, dem bekann­te und auch oppo­si­tio­nel­le Ökonomen angehören, dar­un­ter Juan

Tria­na, Omar Ever­le­ny und Julio Car­ran­za, die seit Jah­ren die offi­zi­el­le Poli­tik kri­ti­sie­ren, zugleich aber in der kuba­ni­schen Öffentlichkeit als Abge­sand­te des Kapi­ta­lis­mus in der Kri­tik stan­den. Der Aus­schuss soll Maß­nah­men erar­bei­ten, die über die bereits ver­ab­schie­de­ten hinausgehen.

In einem Inter­view äußerte Julio Car­ran­za, dass für ihn die Dif­fe­renz zwi­schen Ein­kom­men und Preis­ni­veau das schwer­wie­gends­te poli­ti­sche Pro­blem sei.3 Juan Tria­na wies in einem Gespräch, das auf der Web­site La joven Cuba veröffentlicht wur­de, die Mei­nung zurück, es hand­le sich aus­schließ­lich um wirt­schaft­li­che und nicht auch um poli­ti­sche Refor­men: »Hier wer­den wich­ti­ge Spiel­re­geln geändert, und das ist poli­tisch.« Er beton­te zudem, dass es ent­schie­den auf die Umset­zung ankom­me: »Die­ses Reform­pa­ket hat noch kei­ne Abfol­ge. Wenn man genau hin­schaut, geht es dort nur um das ›Was‹. Es feh­len noch das ›Wie‹, das ›Wann‹ und das ›Wer‹.«4

Omar Ever­le­ny geht es vor­ran­gig dar­um, das Ver­sa­gen eines Wirt­schafts­mo­dells fest­zu­stel­len, das nicht in der Lage sei, nach­hal­ti­ges Wachs­tum und Wohl­stand zu gene­rie­ren, sowie um anhal­ten­de Feh­ler in der Wirt­schafts­po­li­tik. In einem Inter­view beton­te er die Not­wen­dig­keit eines Unter­neh­mens­ge­set­zes, das ver­hin­dern soll, dass der Staat die Gewin­ne eines staat­li­chen Unter­neh­mens für das »Gemein­wohl« ein­zie­hen kann.5

Ever­le­ny hat kur­ze Zeit nach der Ernen­nung zum Regie­rungs­be­ra­ter gemein­sam mit vier ande­ren Ökonomen einen Vor­schlag zur Umge­stal­tung der kuba­ni­schen Wirt­schaft hin zu einer sozia­len Markt­wirt­schaft unter­brei­tet, der, so der Wunsch der Autoren, in der Öffentlichkeit dis­ku­tiert wer­den soll.6 Ein zen­tra­ler Kri­tik­punkt Ever­le­nys und vie­ler ande­rer zielt dabei auf die Gru­po de Administración Empre­sa­ri­al de las Fuerz­as Arma­das (GAESA), eine in der Son­der­pe­ri­ode vom Militär gegründete Grup­pe von Unter­neh­men, die von den Revolutionären Streitkräften kon­trol­liert wird und wie die­se zum kuba­ni­schen Staat gehört. Der Umfang ihrer Geschäftstätigkeiten in den Berei­chen Ein­zel­han­del, Tou­ris­mus, Bau­we­sen sowie Import und Export wird auf mehr als ein Drit­tel der kuba­ni­schen Wirt­schafts­leis­tung geschätzt.

Debat­te eingefordert

Die Debat­te um den Cha­rak­ter der 176 Maß­nah­men wird in der Öffentlichkeit noch ver­hal­ten geführt. Das mag auch an der seit vie­len Jah­ren eta­blier­ten Dis­kus­si­ons­kul­tur lie­gen, wonach jede von der offi­zi­el­len Linie abwei­chen­de Mei­nung schnell als Bruch der Ein­heit inter­pre­tiert wird. Wel­che Debat­ten tatsächlich inner­halb der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei statt­fin­den, lässt sich nur schwer sagen. In ver­schie­de­nen Online­fo­ren domi­nie­ren vor allem Kri­ti­ker der Regie­rung und Marktbefürworter. Diskussionsbeiträge, die sich auf einen revolutionären, sozia­lis­ti­schen Stand­punkt stel­len, set­zen sich sel­ten mit ihnen aus­ein­an­der und nut­zen eher das Fern­se­hen, den Rund­funk oder das Nach­rich­ten­por­tal cubadebate.

Enri­que Ubieta Gómez, Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei und Her­aus­ge­ber des Maga­zins Revolución y Cul­tu­ra, schrieb am 28. Juli: »Der Pro­zess hin zu Akzep­tanz markt­wirt­schaft­li­cher Mecha­nis­men bahnt sich

seit der Ver­ab­schie­dung der Leit­li­ni­en im Jahr 2011 sei­nen Weg. (…) Für die Akzep­tanz die­ses Weges kom­men drei Ele­men­te zusam­men: die Ver­zweif­lung und Ohn­macht der Bevölkerung ange­sichts der Aus­wir­kun­gen der verschärften Blo­cka­de, die konterrevolutionäre und refor­mis­ti­sche Medi­en­kam­pa­gne sowie die Tat­sa­che, dass der Vor­schlag von der Führung der Revo­lu­ti­on selbst ausgeht.«7 Ubieta Gómez for­dert eine ech­te Debat­te und ver­wahrt sich dage­gen, dass man die­je­ni­gen, die eini­gen der ver­ab­schie­de­ten Maß­nah­men wider­spre­chen oder die­se hin­ter­fra­gen, als gefährliche Pseu­domar­xis­ten und Ultra­lin­ke verurteilt.

Im Jahr 2009, als sich die Welt­wirt­schafts­kri­se in einer Ver­dop­pe­lung der Lebens­mit­tel­prei­se und Hungeraufständen nie­der­schlug, schuf Kuba den natio­na­len Rech­nungs­hof, der Ver­fas­sungs­rang erhielt. Rechnungsprüfung und Con­trol­ling wur­den in der Fol­ge ein eige­ner Stu­di­en­gang. 2011 wur­den nach einer brei­ten gesell­schaft­li­chen Debat­te Leit­li­ni­en für eine Wirt­schafts­re­form beschlos­sen. Während einer Dele­ga­ti­ons­rei­se nach Kuba im Jahr 2019 ließ sich erfah­ren: Kor­rup­ti­on und man­gel­haf­te Kon­trol­le sowie Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit wur­den von Präsident Díaz-Canel als größte mentalitätsbedingte Pro­ble­me der kuba­ni­schen Wirt­schaft benannt. Die Aus­wei­tung des pri­va­ten Sek­tors wur­de sei­ner­zeit aller­dings noch nicht als effi­zi­en­te­re Form der Wirt­schaft gegenüber der staat­li­chen ange­se­hen, son­dern als Bereich von rela­tiv gerin­ger Wertschöpfung, der zudem eine Quel­le sozia­ler Ungleich­heit sei. Der staat­li­che Bereich galt als der­je­ni­ge, in dem für das gesam­te Volk gear­bei­tet wer­de und in dem der Groß­teil der Reichtümer erzeugt würde. Die wirk­li­che Inno­va­ti­on sah man im Bereich der Hoch­tech­no­lo­gie, der Wis­sen­schaft und der Tech­nik sowie ihren Ver­bin­dun­gen zu den staat­li­chen sozia­lis­ti­schen Betrie­ben. Der staat­li­che Sek­tor müsse bes­ser wer­den, hieß es, sonst schei­te­re das kuba­ni­sche Pro­jekt. Daher müssten die Rah­men­be­din­gun­gen ver­bes­sert werden.

Von der Apo­the­ke bis zur Bank

Die 176 Maß­nah­men ste­hen in deut­li­chem Kon­trast zu die­sen Aus­sa­gen, denn sie ver­bes­sern nicht nur die Bedin­gun­gen pri­va­ter Unter­neh­men, son­dern verändern auch die­je­ni­gen der staat­li­chen Betrie­be in ent­schei­den­der Weise.

Der Pri­vat­sek­tor erwirt­schaf­tet bereits heu­te etwa 40 Pro­zent des kuba­ni­schen Brut­to­so­zi­al­pro­dukts (BIP). Pri­vat­un­ter­neh­men sol­len zukünftig eine bedeu­ten­de­re Rol­le inner­halb der Gesamt­wirt­schaft spie­len. Die Refor­men sehen vor, dass sie mehr als 100 Ange­stell­te haben dürfen und natürliche Per­so­nen künftig Inha­ber von mehr als nur einem Pri­vat­un­ter­neh­men sein können. Die­se können sich zudem erwei­ter­te Gesell­schafts­for­men geben, wor­un­ter expli­zit auch Akti­en­ge­sell­schaf­ten fallen.

Bereits im Okto­ber 2024 wur­de das Natio­na­le Insti­tut nicht­staat­li­cher Wirt­schafts­ak­teu­re INAENE geschaf­fen, das nur dem Minis­ter­rat, das heißt dem Pre­mier­mi­nis­ter Mar­re­ro Cruz, und Präsident Díaz- Canel unter­stellt ist. Zahlenmäßig übertreffen die nicht­staat­li­chen Wirt­schafts­ak­teu­re die staat­li­chen um ein Viel­fa­ches. Laut Aus­sa­ge der Lei­te­rin von INAENE gibt es auf Kuba 15.200 von ihnen. In einem Schnell­ver­fah­ren wur­den jüngst noch 3.500 wei­te­re Gründungen geneh­migt. Die Geneh­mi­gung eines

Minis­te­ri­ums ist zukünftig für die Gründung eines Unter­neh­mens nicht mehr erforderlich.

Laut dem Dekret 160 können sich pri­va­te Unter­neh­men jetzt bei der Zucker­pro­duk­ti­on, im Hotel­ge­wer­be, im Ban­ken­sek­tor, im Arz­nei­mit­tel­ver­kauf (Apo­the­ken) und sogar in der bio­phar­ma­zeu­ti­schen Indus­trie sowie bei der Förderung von Erdöl, Erd­gas und metall­hal­ti­gen Mine­ra­li­en enga­gie­ren. Von den 125 vor­mals für pri­va­te Akteu­re ver­bo­te­nen Tätigkeiten sind 79 geblie­ben, von denen aller­dings nur 44 abso­lut aus­ge­schlos­sen sind; die übrigen sind unter bestimm­ten Lizen­zen, Ver­wal­tungs­kon­zes­sio­nen oder in Part­ner­schaft mit dem Staat erlaubt. Die Geneh­mi­gung zur Eröffnung pri­va­ter Apo­the­ken war eines der The­men, das in Kuba die meis­ten Kon­tro­ver­sen ausgelöst hat.

Die Maß­nah­men sehen auch vor, den Tou­ris­mus­sek­tor für »neue For­men« und »neue Akteu­re« zu öffnen. Es soll eine Aus­schrei­bung von Frei­zeit­parks, Zoos, Aqua­ri­en und Beher­ber­gungs­ein­rich­tun­gen geben, eine Zulas­sung von Tele­ar­beit aus dem Aus­land und die Anwen­dung aller Geschäftsmodelle, ein­schließ­lich Ver­mie­tung und Ver­kauf von Anla­gen – und zwar sowohl auf den Cay­os, den vor­ge­la­ger­ten Inseln, als auch in den Denk­mal­schutz­ge­bie­ten der Alt­stadt von Havan­na und Tri­ni­dad sowie an ande­ren tou­ris­ti­schen Orten. Der Ver­kauf von Immo­bi­li­en, wor­un­ter auch der exis­tie­ren­de Hotel­be­stand fällt, soll nach Einzelfallprüfung erfol­gen. Der kuba­ni­sche Staat ist Eigentümer von Hotels auf der Insel mit mehr als 84.000 Zim­mern, aber über zwei Drit­tel der Hotels wer­den der­zeit nicht genutzt, und mehr als 25.000 Beschäftigte sind arbeitslos.

Im Agrar­sek­tor sol­len die bürokratischen Formalitäten künftig so gering wie möglich sein. Mit der Maß­nah­me 29 sind pri­va­te Unter­neh­men in der Agrar- und Vieh­wirt­schaft offi­zi­ell zuge­las­sen. Land­wirt­schaft­li­che Erzeu­ger sol­len direk­ten Zugang zu Betriebs­mit­teln erhal­ten und am Devi­sen­markt teil­neh­men können. Staat­li­che Ver­mitt­ler im Außen­han­del wer­den abge­schafft, womit das Außen­han­dels­mo­no­pol wegfällt. Für Direkt­in­ves­ti­tio­nen gel­ten künftig die glei­chen Bedin­gun­gen für Kuba­ne­rin­nen und Kuba­ner in Kuba wie im Aus­land. Beim Staats­ap­pa­rat wur­den die Minis­te­ri­en von 27 auf 20 redu­ziert, um eine weni­ger bürokratische Struk­tur zu schaffen.

Nicht nur die Zahl pri­va­ter Unter­neh­men ist gestie­gen, umge­kehrt hat auch die Zahl staat­li­cher Unter­neh­men stark abge­nom­men, von ca. 5.000 Unter­neh­men im Jahr 2024 auf 2.800, wozu auch ca. 800 GAE­­SA-Unter­­neh­­men fal­len. Für die Kon­trol­le der übrigen 2.000 staat­li­chen Unter­neh­men wur­de am 29. Juni 2026 ein neu­es Insti­tut gegründet, das Natio­na­le Insti­tut für staat­li­che Unternehmensvermögen (INAEES). Des­sen Auf­ga­be ist die Umstruk­tu­rie­rung der staat­li­chen Unter­neh­men. Das Insti­tut ver­tritt die kuba­ni­sche Gesell­schaft als Eigentümer der Pro­duk­ti­ons­mit­tel. Das Insti­tut bewer­tet auch die mate­ri­el­len und imma­te­ri­el­len Vermögenswerte der Unter­neh­men, denen ermöglicht wer­den soll, unge­nutz­te Vermögenswerte durch lang­fris­ti­ge Ver­pach­tung an unter­schied­li­che Wirt­schafts­ak­teu­re und durch ausländische Inves­ti­tio­nen zu monetarisieren.

Vor der Gründung des INAEES, dem der vor­ma­li­ge Lei­ter der Unter­neh­mens­grup­pe für See- und Hafen­trans­port GEMAR, Rober­to Ricar­do Mar­re­ro, vor­steht, lag die Kon­trol­le der staat­li­chen Unternehmen

bei ver­schie­de­nen Minis­te­ri­en sowie den mitt­ler­wei­le abge­schaff­ten soge­nann­ten Auf­sichts­or­ga­ni­sa­tio­nen über die Staats­be­trie­be (OSDE), die schon länger als bürokratische Mini-Minis­­te­ri­en in der Kri­tik standen.

Für die staat­li­chen Unter­neh­men gilt fort­an eine Tren­nung von staat­li­chen und unter­neh­me­ri­schen Funk­tio­nen. Die Unter­neh­men können die Prei­se selbst fest­le­gen, bestim­men die Löhne, ent­schei­den über die Ver­wen­dung der Gewin­ne, ver­ab­schie­den den jährlichen Wir­t­­schafts- und Tech­nik­plan und bestim­men die lang­fris­ti­ge Geschäftsstrategie. Staat­li­che Unter­neh­men können sich zudem in eine Kapi­tal­ge­sell­schaft ver­wan­deln. Bei zehn Pro­zent der Unter­neh­men ist das bereits der Fall. Allen juris­ti­schen und natürlichen Per­so­nen im In- und Aus­land soll der Erwerb von Antei­len an staat­li­chen Unter­neh­men ermöglicht wer­den (Maß­nah­me 33) sowie der Kauf staat­li­cher Immo­bi­li­en (Maß­nah­me 34). Der Grund­satz, dass Grund und Boden unverkäuflich sind, soll zwar bei­be­hal­ten wer­den. Es ist aber zukünftig möglich, Land im Rah­men eines Ver­tra­ges auf unbe­stimm­te Zeit zur Nut­zung abzu­ge­ben (Maß­nah­me 58).

Sozia­le Spaltung

Die Gleich­heit der Lebens­be­din­gun­gen für alle Kuba­ne­rin­nen und Kuba­ner ist kein poli­ti­sches Ziel mehr. Alle poli­ti­schen Maß­nah­men, die vor der Son­der­pe­ri­ode die Gleich­heit der Lebens­be­din­gun­gen garan­tie­ren soll­ten, bei­spiels­wei­se eine begrenz­te Lohn­struk­tur, Preis­kon­trol­len sowie kos­ten­lo­se Leis­tun­gen und Sub­ven­tio­nen, wer­den endgültig besei­tigt. Die Abschaf­fung der »Libre­ta«, eine an den Haus­halt gebun­de­ne Ver­sor­gung mit Grund­nah­rungs­mit­teln, ist eine der umstrit­tens­ten Maß­nah­men. In den Pro­vin­zen und Gemein­den wur­den bereits 876.522 Per­so­nen in beson­ders prekären Lebens­si­tua­tio­nen iden­ti­fi­ziert. Sie sol­len über die digi­ta­le Platt­form »Soberanía«, die 2025 für Ver­wal­tungs­ak­te und Bürgerservices ein­ge­rich­tet wur­de, sozia­le Leis­tun­gen bean­tra­gen können. Auch für bis­her kos­ten­lo­se Diens­te und Güter soll man künftig bezah­len, wie zum Bei­spiel für Wei­­ter­­bil­­dungs- und Aufbaustudiengänge. Für Kindertagesstätten und Inter­na­te soll es gestaf­fel­te Beiträge je nach Fami­li­en­ein­kom­men geben.

Wirtschaftsübergreifende Dienst­leis­tun­gen wie Strom, Was­ser, Kraft­stof­fe und Güterverkehr sol­len gar nicht mehr sub­ven­tio­niert wer­den. Der Staat, der die Kos­ten für den Grund­wa­ren­korb und Mobilität nicht mehr auf­brin­gen kann, soll durch den Weg­fall der Sub­ven­tio­nen ent­las­tet wer­den. Um gegen­zu­steu­ern, sol­len die Gemein­den einen Fonds für Bedürftige schaf­fen. Was davon kon­kret umge­setzt wird bzw. bereits in der Umset­zung ist, lässt sich aktu­ell noch nicht abschlie­ßend bestim­men. Auch nicht, wel­che Maß­nah­men wie­der ver­wor­fen werden.

Auf dem Por­tal jovencuba.com beschreibt der kuba­ni­sche Wis­sen­schaft­ler Wil­der Pérez Varo­na, wel­che Machtverhältnisse das Maß­nah­men­pa­ket neu defi­niert, und übt deut­li­che Kri­tik: »Die­se Maß­nah­men verändern nicht nur die Wirt­schaft. Sie wer­den im Ergeb­nis auch darüber bestim­men, wer in den kom­men­den Jahr­zehn­ten die Macht über den Reich­tum des Lan­des haben wird. Jede Wirt­schafts­re­form ver­teilt Macht neu.«8

Sei­ne Befürchtung: Die Refor­men wer­den, soll­ten sie vollständig umge­setzt wer­den, die gesam­te Gesellschaft

verändern. Die sozia­le Dif­fe­ren­zie­rung sei ein fes­ter Bestand­teil des anvi­sier­ten ökonomischen Modells. Es wer­de eine stärkere Kon­zen­tra­ti­on des Reich­tums geben. Die Auf­he­bung der Ober­gren­ze von hun­dert Beschäftigten sowie die Möglichkeit, dass eine ein­zel­ne Per­son Inha­ber meh­re­rer Unter­neh­men sein könne, schaf­fe die Grund­la­ge für Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on. Gleich­zei­tig wer­de sich auch die Arbeits­welt verändern, in der künftig sehr unter­schied­li­che Bedin­gun­gen gel­ten wer­den. Die Ungleich­heit wer­de zudem eine eth­ni­sche, regio­na­le und auch familiäre Dimen­si­on anneh­men und die sozia­len Unter­schie­de könnten sich von Gene­ra­ti­on zu Gene­ra­ti­on fort­set­zen, wenn der Staat dar­auf ver­zich­te, ein­zu­grei­fen. Der Übergang zu einem Sys­tem, das Men­schen als »schutzbedürftig« ein­stuft, um zu ent­schei­den, wer Hil­fe erhält und wer nicht, verändere zudem das Verhältnis zwi­schen Bürgern und Staat. Der Staat ver­hin­de­re Ungleich­heit nicht mehr, son­dern beschränke sich allein dar­auf, deren Fol­gen zu bewältigen. Für Dienst­leis­tun­gen, die vor­her kos­ten­los waren, müsse jetzt bezahlt wer­den. Wer sich das nicht leis­ten könne, bekom­me gera­de noch einen prekären Schutz.

Die Reform erwei­te­re zudem die Möglichkeiten der Vermögensbildung, ohne Mecha­nis­men der Trans­pa­renz und der demo­kra­ti­schen Kon­trol­le, so Pérez Varo­na wei­ter. Wirt­schaft­li­che Demo­kra­ti­sie­rung sei eine Vor­aus­set­zung dafür, dass die Refor­men auf eine Bei­be­hal­tung des sozia­lis­ti­schen Cha­rak­ters Kubas zie­len. Wenn die Refor­men neue Unter­neh­mer, neue Arbeits­be­zie­hun­gen und neue Eigen­tums­for­men her­vor­brin­gen, müssten sie im min­des­ten auch die Organisationsfähigkeit der Lohnabhängigen stärken.

Stärkung der Gemeinden

Im Gegen­zug zur Macht­re­du­zie­rung der zen­tra­len Minis­te­ri­en sehen die Refor­men die Stärkung der Auto­no­mie der Gemein­den vor. Das umfasst fol­gen­de Berei­che: stra­te­gi­sche Pla­nung, Raum- und Stadt­pla­nung, Ernährungssouveränität sowie Ernährungs- und Nah­rungs­mit­tel­si­cher­heit, kom­mu­na­le Dienst­leis­tun­gen und die Förderung der loka­len Wirt­schafts­ent­wick­lung ein­schließ­lich der Diver­si­fi­zie­rung und Stärkung des Produktionsgefüges unter Ein­be­zie­hung der ver­schie­de­nen Wirt­schafts­ak­teu­re (im Inland als auch im Aus­land leben­de Kuba­ne­rin­nen und Kuba­ner) und der loka­len Pro­duk­ti­ons­sys­te­me. Die Gemein­den sol­len auch die Möglichkeit erhal­ten, direkt zu expor­tie­ren und zu impor­tie­ren sowie Devi­sen für die lau­fen­den Aus­ga­ben und Inves­ti­tio­nen selbst zu erwirtschaften.

Vor­ge­se­hen ist die Ein­rich­tung von Fonds in den Gemein­den, die sich aus den Gewin­nen des Unter­neh­mens­sys­tems – sei es staat­lich, pri­vat oder genos­sen­schaft­lich – sowie aus Betei­li­gun­gen spei­sen sol­len; wobei eine Gemein­de neben Antei­len von kom­mu­na­len Unter­neh­men auch Akti­en staat­li­cher Unter­neh­men erwer­ben kann. Die Divi­den­den sol­len dann eben­falls in die­se Fonds flie­ßen. Auch die Pro­vinz­re­gie­run­gen und die kom­mu­na­len Verwaltungsräte wer­den ermächtigt, loka­le staat­li­che Unter­neh­men zu gründen. Sie wer­den zudem befugt, staat­li­che und nicht­staat­li­che Wirt­schafts­ak­teu­re in ihrem Zuständigkeitsbereich zu genehmigen.

Bei der Umset­zung der ver­schie­de­nen Maß­nah­men soll der kuba­ni­sche Gewerk­schafts­bund CTC, der Ende Juni zwei Tage lang über die Refor­men dis­ku­tier­te, eine wich­ti­ge Rol­le spie­len. Präsident Díaz-Canel äußerte

in sei­ner Rede auf der Abschluss­ver­an­stal­tung: »Ohne die bewuss­te Mobi­li­sie­rung der Arbei­ter wird nichts möglich sein, weder der gro­ße Pro­duk­ti­ons­sprung, den die natio­na­le Wirt­schaft erfor­dert, noch die Qualität aller Kon­­­troll- und Überwachungsprozesse, die damit ein­her­ge­hen müssen.«9

Gefahr: USA

Unklar bleibt bei den Refor­men, wie ver­mie­den wer­den soll, dass sich in Kuba US-Akteu­­re breit­ma­chen. Von den Berg­bau­un­ter­neh­men, die von den USA mit Sank­tio­nen belegt wur­den, will bei­spiels­wei­se die aus­tra­li­sche Grup­pe Antil­les Gold ihre Mehr­heits­be­tei­li­gung an einem kuba­ni­schen Joint Ven­ture an einen US-Inves­­tor ver­kau­fen. Bei dem kana­di­schen Unter­neh­men Sher­ritt Inter­na­tio­nal, das im Nickel­berg­bau tätig ist, hat ein ehe­ma­li­ger Trump-Bera­­ter eine Vor­ver­ein­ba­rung zur Übernahme der Mehr­heits­be­tei­li­gung an dem Unter­neh­men unter­zeich­net. Unter­neh­men mit sozia­lem Auf­trag, wie sie Kuba bis­her kennt, sind etwas ande­res als US-ame­ri­­ka­­ni­­sche Kon­zer­ne, die dem Pro­fit und möglicherweise noch poli­ti­schen Inter­es­sen des Impe­ri­ums im Nor­den ver­pflich­tet sind. Dass die Regie­rung Trump kei­ne wirt­schaft­li­chen Erfol­ge Kubas dul­den wird, zei­gen die neu­es­ten Ver­bo­te pri­va­ter kuba­ni­scher Impor­te von Die­sel, Ben­zin und Gas aus den USA. Inner­halb von weni­gen Mona­ten hat­te der Pri­vat­sek­tor eine gan­ze Logis­tik­ket­te für den Import, die Lage­rung, den Ver­trieb und den Ver­kauf von Kraft­stof­fen auf­ge­baut. Damit ist nun Schluss.

Bedeu­ten die Refor­men am Ende, dass der Sozia­lis­mus in Kuba vor­bei ist? Der Jour­na­list Michel Tor­res Coro­na meint: »Nein. Es gibt noch vie­le Kom­mu­nis­ten, inner­halb der Insti­tu­tio­nen, die bereit sind, die­se her­aus­for­dern­de Situa­ti­on zu überwinden. (…) Der Sozia­lis­mus ist Kon­flikt und Streit um Bedeu­tun­gen. Das war er schon immer und das gilt für uns ganz beson­ders seit dem revolutionären Sieg. Wer kann leug­nen, dass er heu­te leben­di­ger ist denn je?«10

Anmer­kun­gen

1 Sie­he eine Übersetzung der ein­zel­nen Maß­nah­men unter: www.fgbrdkuba.de/wp-content/ uploads/2026/06/Transformaciones_Economicas_y_Sociales_de.pdf

2 www.cubadebate.cu/especiales/2026/06/21/manuel-marrero-cruz-la-planificacion-socialista-no-excluye- sino-que-debe-incorporar-y-regular-las-reglas-del-mercado

3 escaramujo.substack.com/p/julio-carranza-analiza-las-176-medidas
4 jovencuba.com/transcripcion-juan-triana
5 oncubanews.com/opinion/columnas/con-todas-sus-letras/ahora-si-la-transicion-pospuesta
6 pub-b3efec60654a46eb9cfe8b62a3f029ab.r2.dev/cuba-transformacion-propuesta-es.pdf
7 www.cubaperiodistas.cu/2026/07/cuba-en-la-encrucijada-del-nuevo-orden-trumpista-fascista

8 jovencuba.com/mercado-wilder-perez
9 www.escambray.cu/2026/diaz-canelen-el-congreso-de-la-ctc-en-cuba-no-habra-cambios-politicos 10 www.cubaperiodistas.cu/2026/07/cuba-en-la-encrucijada-del-nuevo-orden-trumpista-fascista

→ Bri­git­te Schiff­ler ist Mit­glied bei der Freund­schafts­ge­sell­schaft BRD-Kuba und Cuba Sí Ham­burg sowie beim Netz­werk Cuba e.V.

https://www.jungewelt.de/artikel/531528.kuba-unter-der-us-blockade-mehr-markt.html