Inter­view mit Sil­vio Rodri­guez für La Jor­na­da (Mexi­ko)

By Published On: März 30, 2026Cate­go­ries: News

//La Jor­na­da, Sams­tag, 28. März 2026 von Luis Hernán­dez Navarro//

Havan­na. Die Wän­de des Stu­dio­ein­gangs von Sil­vio Rodrí­guez im Havan­naer Stadt­teil Playa sind mit gerahm­ten Aus­zeich­nun­gen und Erin­ne­rungs­stü­cken sei­ner lan­gen Kar­rie­re bedeckt. Das Ton­stu­dio befin­det sich im ers­ten Stock. Auf der einen Sei­te steht ein Flü­gel neben eini­gen Bän­ken. Auf der ande­ren Sei­te, in einem Raum, der an eine Kom­man­do­zen­tra­le erin­nert, steht ein rie­si­ges Misch­pult, das einem aus­ge­klü­gel­ten Labor der musi­ka­li­schen Alche­mie gleicht. „Hier arbei­te ich“, erklärt uns der Sin­­ger-Son­g­­wri­­ter, bevor das Foto­shoo­ting beginnt.

Nach einem kur­zen Gespräch dar­über, wie es dank ihm und sei­nen Kol­le­gen dazu kam, dass ein Teil der mexi­ka­ni­schen Kul­tur­lin­ken, der den Rock im Namen des Neu­en Lie­des abge­lehnt hat­te, die­ses Gen­re schließ­lich akzeptierte.

Der Autor von „Mad­re“ , der sich selbst eher als Fra­ge­stel­ler denn als Ant­wort­ge­ber bezeich­net,  beant­wor­te­te bereit­wil­lig einen Fra­ge­bo­gen der Zei­tung  „La Jor­na­da“ . Dar­in argu­men­tiert er, dass die Ent­schlos­sen­heit zum Wider­stand auf der Insel in ihrer Geschich­te, in der Ent­ste­hung der kuba­ni­schen Nati­on, begrün­det liegt. Und er fügt hin­zu: „Ein gro­ßer Teil unse­res Vol­kes wäre bereit, unse­re Sou­ve­rä­ni­tät not­falls mit Waf­fen­ge­walt zu verteidigen.“

Ihre Ant­wor­ten tra­gen wesent­lich dazu bei, die Bedeu­tung der mit­tel­al­ter­li­chen Bela­ge­rung, die die Antil­la heu­te erlebt, und die Reak­ti­on ihrer Bevöl­ke­rung zu ver­ste­hen und einzuschätzen.

Vor weni­gen Tagen tausch­te Sil­vio Rodrí­guez sei­ne Gitar­ren­sai­ten gegen das Stahl eines Sturm­ge­wehrs, um sein Volk zu ver­tei­di­gen. Sie tru­gen wäh­rend Ihrer über drei­jäh­ri­gen Mili­tär­zeit und Ihrer zwei Ein­sät­ze als Inter­na­tio­na­list in Ango­la eine Mili­tär­uni­form. Sie wur­den Gitar­rist in der Armee. Kann man sagen, dass Sie mit dem Erhalt des  AKM  ein Stück weit zu Ihren Wur­zeln zurück­keh­ren? Fin­den Sie in der Ver­tei­di­gung des heu­ti­gen, bedräng­ten Kubas eine Quel­le der Inspi­ra­ti­on für neue Lieder?

Tat­säch­lich: Nach­dem ich die Dro­hun­gen des US-Prä­­si­­den­­ten gele­sen hat­te, Kuba zu annek­tie­ren, ver­fass­te ich einen kur­zen Kom­men­tar in mei­nem  Blog . Zu mei­ner Über­ra­schung erhielt ich fast umge­hend eine Ant­wort der Streit­kräf­te mei­nes Lan­des, die spä­ter ver­öf­fent­licht wur­de. Die FAR (Revo­lu­tio­nä­re Streit­kräf­te) sind eine Insti­tu­ti­on, der ich in gewis­ser Wei­se ent­stam­me, auch als Lie­der­ma­cher, denn nach mei­nem Mili­tär­dienst begann ich Gitar­re zu spie­len. So sehr, dass ich am Mon­tag, dem 12. Juni 1967, demo­bi­li­siert wur­de und bereits am dar­auf­fol­gen­den Tag, Diens­tag, dem 13., mein Fern­seh­de­büt mit zwei mei­ner Lie­der gab.

„Ich muss geste­hen, dass ich nie im Ent­fern­tes­ten erwar­tet hät­te, dass die­se weni­gen Wor­te, die ich als Kom­men­tar ver­öf­fent­lich­te (es war ja nicht ein­mal ein  rich­ti­ger Bei­trag ), eine so tief­grei­fen­de Wir­kung haben wür­den. Obwohl impe­ria­le Aggres­si­on viel­leicht zu unse­ren natür­li­chen Gege­ben­hei­ten gehört, hat uns unser eige­nes Leben, inten­siv und mit­un­ter wider­sprüch­lich, zu einem Nähr­bo­den für alle Arten von Aus­drucks­for­men gemacht, sogar für sol­che, die gesun­gen werden.“

–Für den Fall, dass die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ver­su­chen, die Insel zu erobern, wird die Bevöl­ke­rung sie dann so ver­tei­di­gen, wie Sie es bereit sind?

„Bestimm­te US-Poli­­ti­ker hegen seit rund 200 Jah­ren ein Auge auf Kuba. Zuerst ver­such­ten sie, wenn ich mich recht erin­ne­re, die Insel mehr­mals von Spa­ni­en zu kau­fen; dann, Ende des 19. Jahr­hun­derts, nach­dem unse­re Befrei­ungs­ar­mee die Kolo­ni­al­ar­mee besiegt hat­te, spreng­ten sie deren Schlacht­schiff  Maine  im Hafen von Havan­na, um Spa­ni­en den Krieg zu erklä­ren. Die­ses Manö­ver lös­te einen Krieg aus, der mit einem Ver­trag in Paris ende­te, bei dem die Kuba­ner kein Mit­spra­che­recht hat­ten. Dort zwan­gen sie uns den Platt-Zusatz auf, ein extra­ter­ri­to­ria­les Gesetz, das ihnen das Recht ein­räum­te, nach Belie­ben in Kuba zu inter­ve­nie­ren. Es gibt vie­le Grün­de, war­um die Kuba­ner dem „unru­hi­gen und bru­ta­len Nor­den“, wie ihn unser Apos­tel José Mar­tí nann­te, miss­trau­en. Aus die­sem Grund wäre wohl ein gro­ßer Teil unse­res Vol­kes bereit, unse­re Sou­ve­rä­ni­tät not­falls mit Waf­fen­ge­walt zu verteidigen.“

–In „  Ode an mei­ne Gene­ra­ti­on“  heißt es: „Ich ver­leug­ne nicht, was mir zusteht.“ Was ist Sil­vio Rodrí­guez’ Los in die­sen unglück­li­chen Zei­ten, in denen wir leben?

Zunächst ein­mal möch­te ich beto­nen, dass ich Fana­tis­mus ableh­ne und mich stets für Kri­tik und Selbst­kri­tik ein­ge­setzt habe. Kein mensch­li­ches Werk ist per­fekt, und ich glau­be, dies habe ich in mei­nen Lie­dern, Schrif­ten, Inter­views und seit etwa 16 Jah­ren auf mei­nem  Blog „Segun­da cita“ ( https://segundacita.blogspot.com ) deut­lich gemacht. Unge­ach­tet des­sen, ohne einer poli­ti­schen Par­tei anzu­ge­hö­ren, habe ich mich stets für die Ver­bes­se­rung der Mensch­heit engagiert.

„Als ich die­se  Ode schrieb,  bezog ich mich auf die Wider­sprü­che, mit denen mei­ne Gene­ra­ti­on kon­fron­tiert war, ins­be­son­de­re auf den Extre­mis­mus und die Straf­lo­sig­keit der Beam­ten, auf Män­gel, die zwar nichts mit dem heu­ti­gen Aus­maß zu tun haben, aber schon damals spür­bar waren. Jetzt, mit der Ver­schär­fung der Blo­cka­de und dem fort­schrei­ten­den Ver­fall der Ver­hält­nis­se, ist alles, was fehl­te, lebens­not­wen­dig gewor­den. Beson­ders im öffent­li­chen Gesund­heits­we­sen und im Bil­dungs­we­sen, Berei­che, in denen Kuba einst ein Vor­bild war. So ist es mei­ne Auf­ga­be, wei­ter­hin ein Bür­ger zu sein, der, nun etwas älter, das Bes­te für sein Land will.“

Sei­ne Akkor­de und Ver­se waren wie Blit­ze in den Stür­men des Kon­ti­nents, der Sound­track für Gene­ra­tio­nen, die sich nach einer ande­ren Welt seh­nen, die Chro­nik ihrer Träu­me, Fan­ta­sien und Ängs­te. Wel­che Rol­le spielt die Musik, sei­ne und die ande­rer Sin­­ger-Son­g­­wri­­ter, in die­sen unru­hi­gen Zeiten?

„Ich habe es nie gemocht, For­meln vor­zu­schrei­ben. Das Leben ist viel­fäl­tig, und das respek­tie­re ich. Ich glau­be, dass in Kuba qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Aus­drucks­for­men in allen Berei­chen der Musik und Poe­sie vor­herr­schen. Natür­lich gibt es auch den rei­nen Kom­merz, aber ins­ge­samt den­ke ich, dass ein star­kes Enga­ge­ment für das wahr­haft Künst­le­ri­sche besteht. Und ich glau­be, das ist das Ergeb­nis eines Lan­des, das allen sei­nen Kin­dern unein­ge­schränk­te Bil­dung ermög­licht hat.“

– Zu Beginn Ihrer jüngs­ten 13 Kon­zer­te umfas­sen­den Tour­nee durch sechs latein­ame­ri­ka­ni­sche Län­der rezi­tier­ten Sie auf den Stu­fen der Uni­ver­si­tät von Havan­na einen Aus­schnitt aus   José Mar­tís *  Maes­tros ambu­lan­tes * und been­de­ten Ihren Auf­tritt mit Ihrem Lied *Ven­ga la espe­ran­za *. Gibt es in die­sen Zei­ten der Rück­schlä­ge noch Hoff­nung für Kuba? Woher kommt sie?

Aus  „Tra­vel­ling Tea­chers“  wer­den oft Pas­sa­gen zitiert, etwa: „Nur um gut zu sein, kann man glück­lich sein“ und „Nur um gebil­det zu sein, kann man frei sein“. Eine wei­te­re von mir ange­führ­te Pas­sa­ge, die den Gedan­ken ver­voll­stän­digt, wur­de jedoch igno­riert: „Doch im All­ge­mei­nen muss man wohl­ha­bend sein, um gut sein zu können.“

„Mar­tí spricht von der ‚Gemein­sam­keit der mensch­li­chen Natur‘. Er behaup­tet nicht, dass die­se Denk­wei­se die bes­te sei, etwa wenn er von Tugend­haf­tig­keit und Bil­dung spricht. Er merkt an, dass die meis­ten Men­schen sich wohl und glück­lich füh­len, wenn sie ihren eige­nen Fort­schritt sehen. Ich glau­be, dass die Blo­cka­de gegen Kuba gera­de wegen die­ser Gewiss­heit zuge­nom­men hat: Sie wol­len, dass unser Volk glaubt, es gäbe kei­ne lebens­wer­te Zukunft in ihrem Land.“

„Ich bin mir der Viel­zahl der Pro­ble­me, mit denen wir kon­fron­tiert sind, und der neu­en, nega­ti­ven Ent­wick­lun­gen wie der Ener­gie­blo­cka­de sehr wohl bewusst. Aber ich habe Kuba immer Wider­stand leis­ten sehen. Fidel sag­te, Revo­lu­ti­on bedeu­te, „das zu ver­än­dern, was ver­än­dert wer­den muss“, und ich glau­be, er mein­te damit eine Revo­lu­ti­on inner­halb der Revo­lu­ti­on. Vor Jah­ren sang ich, wir müss­ten das ‚R‘ aus dem Wort ‚Revo­lu­ti­on‘ strei­chen, das heißt, wir müss­ten uns wei­ter­ent­wi­ckeln. Bril­lan­te Öko­no­men, dar­un­ter auch eini­ge ehe­ma­li­ge Minis­ter, raten seit Jah­ren zu Refor­men – Refor­men, die ent­we­der nicht umge­setzt oder nur wider­wil­lig ange­nom­men wer­den. Ich sehe, dass in letz­ter Zeit ent­schlos­se­ne­re Schrit­te in die­se Rich­tung unter­nom­men wer­den. Und das liegt nicht am Druck der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Es liegt dar­an, dass auch in Kuba seit Jah­ren um rea­lis­ti­sche­re Ansät­ze gerun­gen wird, die unse­rem Volk zugu­te­kom­men. Ich unter­stüt­ze das, solan­ge unser Sta­tus als sou­ve­rä­ne Nati­on nicht gefähr­det ist, den ich für grund­le­gend halte.“

Patrio­ti­sche Gefühle

–Sie haben eine sehr enge Bezie­hung zu Ihrem Publi­kum und den Men­schen Ihres Lan­des. Ihre Lie­der spie­geln deren Gefüh­le und Sehn­süch­te wider. Woher, glau­ben Sie, kommt die Kraft und Ent­schlos­sen­heit der ein­fa­chen Men­schen, sich der Blo­cka­de zu widersetzen?

– Aus unse­rer Geschich­te, aus der Ent­ste­hung der kuba­ni­schen Nati­on. Das hat mit dem Gefühl der Zuge­hö­rig­keit zum Geburts­ort, mit einem patrio­ti­schen Emp­fin­den zu tun. Und die­ses wird natür­lich dadurch bestimmt, was man von dem Ort, an dem man gebo­ren wur­de und auf­ge­wach­sen ist, empfängt.

– Zu Beginn Ihrer Lebens­rei­se erwäh­nen Sie, dass die Gene­ra­ti­on der Trou­ba­dou­re, der Sie ange­hör­ten, von jun­gen Men­schen inmit­ten von Mythen und Kon­tro­ver­sen als eine Gene­ra­ti­on iden­ti­fi­ziert wur­de, die Geschich­te schrieb. Hat Ihre Gene­ra­ti­on Geschich­te gewonnen?

Manch­mal mag es so schei­nen. Doch wenn Kuba fällt, wird die Geschich­te von sei­nen Fein­den umge­schrie­ben. Bis zu einem gewis­sen Grad ver­brei­ten die Kon­zern­me­di­en (die soge­nann­ten Main­stream-Medi­en) und ihre zahl­rei­chen Online-Able­­ger bereits ihre Version.

Rosa Miri­am Eliz­al­de sagt: „Mil­lio­nen Latein­ame­ri­ka­ner haben durch Sil­vi­os Lie­der mehr über die Geschich­te und vor allem über die Emp­find­sam­keit unse­rer Län­der gelernt als durch die Tex­te der gro­ßen His­to­ri­ker die­ses kom­ple­xen Kul­tur­la­by­rinths.“ Was sagt uns Sil­vio heu­te über die Gescheh­nis­se im süd­li­chen Lateinamerika?

–Es ist mir eine Freu­de, so groß­zü­gi­ge Freun­de wie Rosa Miri­am zu haben, aber ich habe die Geschich­te von Rami­ro Guer­ra, Fer­nan­do Ortiz, Emi­lio Roig, José Lucia­no Fran­co, Julio Le River­end, Tor­res Cue­vas, mei­nem Ver­wand­ten Euse­bio Leal und ande­ren gro­ßen His­to­ri­kern gelernt, die mein Land her­vor­ge­bracht hat.

„Das Pro­blem ist, dass Lie­der als kur­ze Aus­drucks­for­men das zusam­men­fas­sen, was der­je­ni­ge, der sie macht, im Kopf ange­sam­melt hat. So eig­nen wir uns die Ver­diens­te ande­rer Leu­te an.“

Sei­ne Lie­der beglei­te­ten und unter­mal­ten die Befrei­ungs­kämp­fe in Latein­ame­ri­ka. Sie inspi­rier­ten jene, die gegen rechts­extre­me Dik­ta­tu­ren und für die edels­ten Zie­le kämpf­ten. Was mag Sil­vio Rodrí­guez wohl heu­te den­ken, wenn er das Foto von zwölf Staats- und Regie­rungs­chefs der west­li­chen Hemi­sphä­re sieht, die Trump umrin­gen, um die Grün­dung des „Schil­des von Ame­ri­ka“ zu feiern?

Der soge­nann­te „Schild Ame­ri­kas“ wirkt wie ein Ver­such, den Neo­ko­lo­nia­lis­mus wie­der­zu­be­le­ben, die Grün­dungs­prin­zi­pi­en der Ver­ein­ten Natio­nen aus­zu­lö­schen und ist womög­lich ein Zei­chen impe­ria­ler Ver­zweif­lung. „Ame­ri­ka den Ame­ri­ka­nern.“ Mei­ner Ansicht nach begann die­se Rück­kehr zum radi­ka­len rech­ten Flü­gel mit dem Zusam­men­bruch der UdSSR, die trotz ihrer Män­gel dem Kapi­ta­lis­mus wider­sprach und Hoff­nung auf eine bes­se­re Welt bot. Chi­na und Russ­land haben die­sen impe­ria­len Hass geerbt, weil sie wirt­schaft­li­che Riva­len sind.

„Der Kapi­ta­lis­mus ist wahr­schein­lich des­halb ein schwer zu über­win­den­des Sys­tem, weil er auf einem dunk­len, aber wah­ren Aspekt der Mensch­heit basiert: dem Ego­is­mus. So wird die Welt heu­te von Kon­zer­nen, trans­na­tio­na­len Unter­neh­men und der Rüs­tungs­in­dus­trie kon­trol­liert; ein Netz der Herr­schaft, das ein Impe­ri­um auf­recht­erhält, das nur an sei­ner Vor­herr­schaft inter­es­siert ist, nie­mals an Mit­ge­fühl oder Solidarität.“

– Anders als die künst­le­ri­sche Blü­te­zeit, die die Kuba­ni­sche Revo­lu­ti­on beglei­te­te, scheint der Pro­gres­si­vis­mus auf dem Kon­ti­nent kein alter­na­ti­ves Kul­tur­pro­jekt her­vor­ge­bracht zu haben. Es gibt nichts Ver­gleich­ba­res zum Fes­ti­val in der Casa de las Amé­ri­cas von 1967. Wor­an liegt das Ihrer Mei­nung nach?

Das Casa de las Amé­ri­cas wur­de 1959 gegrün­det, im sel­ben Jahr wie der Tri­umph der Revo­lu­ti­on. An sei­ner Spit­ze stand eine außer­ge­wöhn­lich sen­si­ble Frau, die ich sehr gut kann­te: Hay­dée San­ta­ma­ría. Die Analpha­be­ten­ra­te in Kuba lag 1959 bei fast 30 Pro­zent und wur­de durch die Alpha­be­ti­sie­rungs­kam­pa­gne von 1961 besei­tigt. Die Kunst­schu­len wur­den 1962 gegrün­det. 1967 kämpf­ten kuba­ni­sche Bau­ern und Arbei­ter dar­um, einen Schul­ab­schluss der sechs­ten Klas­se zu errei­chen. Unter der Revo­lu­ti­ons­re­gie­rung waren Bil­dung, Kul­tur und das Recht auf Gesund­heit nicht län­ger das Pri­vi­leg weni­ger. Ich glau­be nicht an abso­lu­te Gleich­heit, aber ich glau­be an sozia­le Gerechtigkeit.

–Sie tra­ten 1975 erst­mals in Mexi­ko auf, bei einem Kon­zert im Cine París. Ihre Musik war zunächst durch Kas­set­ten bekannt. Spä­ter spiel­ten Sie in klei­ne­ren Clubs und an der UNAM (Natio­na­le Auto­no­me Uni­ver­si­tät von Mexi­ko), bis Sie Anfang der 1980er-Jah­­re den Sprung ins Natio­na­le Audi­to­ri­um schaff­ten. Seit­dem ist Ihre Ver­bin­dung zu Mexi­ko unge­bro­chen. Wel­che Bedeu­tung hat Mexi­ko für Ihre Arbeit und Ihre Karriere?

Ja, ich war 1975 zum ers­ten Mal in Mexi­ko und gab zusam­men mit Pablo Mila­nés und Noel Nico­la ein Kon­zert im Cine París. Es war Teil einer Rei­he kuba­ni­scher Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen, an denen auch das Natio­nal­bal­lett unter der Lei­tung von Ali­cia Alon­so teil­nahm. Leo Brou­wer, einer der außer­ge­wöhn­lichs­ten Musi­ker unse­rer Geschich­te, war eben­falls anwe­send; damals lei­te­te er die Gru­po de Expe­ri­ment­a­ción Sono­ra (Grup­pe für Klang­ex­pe­ri­men­te) des ICAIC (Kuba­ni­sches Insti­tut für Film­kunst und ‑indus­trie), wo Noel, Pablo und ich arbei­te­ten. Wir hat­ten damals einen klei­nen Auf­tritt im Abschluss­kon­zert im Auditorium.

„Mexi­ko, ein Teil mei­ner Seele“

„Etwa zu die­ser Zeit hat­te ich über das prä­ko­lum­bia­ni­sche Mexi­ko und die Mexi­ka­ni­sche Revo­lu­ti­on gele­sen und woll­te unbe­dingt Ihr Land besu­chen. Ich woll­te die Pyra­mi­den und die Städ­te der indi­ge­nen Kul­tu­ren sehen. Ich hat­te Sor Jua­na, Juan de Dios Peza, Rul­fo, die Sabi­ner und Fuen­tes gele­sen. Ich kann­te Thel­ma Nava aus Casa de las Amé­ri­cas, und auf die­ser ers­ten Rei­se hat­te ich das Glück, Efraín Huer­ta, der bereits krank war, zu umarmen.“

„Ich war eng mit der gro­ßen Bild­haue­rin Mar­ta Palau befreun­det, die einen inter­na­tio­na­len Kunst­wett­be­werb in Kuba gewon­nen hat­te. Im Haus des Malers Raúl Mar­tí­nez lern­te ich den Foto­gra­fen Pedro Mey­er ken­nen, und spä­ter in Mexi­ko traf ich Gra­cie­la Itur­bi­de, die in einer Stra­ße mit einem unver­gess­li­chen Namen wohn­te: Bar­ran­ca del Muer­to (Schlucht des Toten).“

„Für die Ver­an­stal­tun­gen im uru­gu­ay­ischen Exil kehr­te ich mit Noel zurück, und wir unter­nah­men eine aus­ge­dehn­te Tour­nee mit der argen­­ti­­nisch-mexi­­ka­­ni­­schen Grup­pe San­a­m­pay. Eines Tages kamen wir an der UNAM (Natio­na­le Auto­no­me Uni­ver­si­tät von Mexi­ko) an, wo eine jun­ge Frau mit einer wun­der­schö­nen Stim­me, Euge­nia León, in einem Jugend­quar­tett sang. An einem ande­ren Abend nah­men sie mich mit zu einem Ort, wo ich Toña  la Negra sah und hör­te , die in Kuba so ver­ehrt wird. Ich lieb­te  Negro  Oje­da sehr. Ich bin stolz dar­auf, sagen zu kön­nen, dass ich mit Ampa­ro Ochoa sehr eng und mit Mar­cial Ale­jan­dro sehr gut befreun­det war. Maru Hen­rí­quez lern­te ich ken­nen, als sie noch ein Teen­ager war. Für uns war sie die klei­ne Maru, denn ihre Mut­ter war die gro­ße Maru, eine Grund­schul­leh­re­rin, die ihre Kin­der mit viel Arbeit groß­zog – eine unver­gess­li­che Person.“

„Ich glau­be, ich habe schon ein­mal von mei­ner Begeg­nung und mei­ner lang­jäh­ri­gen Freund­schaft mit Arsa­cio Vane­gas Arro­yo und sei­ner Fami­lie erzählt. Bekannt­lich bin ich mit Andrés Manu­el und Bea­triz befreun­det. Ich hal­te Clau­dia Shein­baum für die bes­te Prä­si­den­tin in ganz Latein­ame­ri­ka. Aus die­sen und vie­len ande­ren Grün­den ist Mexi­ko mir nun sehr ans Herz gewachsen.“

https://www.jornada.com.mx/noticia/2026/03/28/espectaculos/el-pueblo-cubano-esta-dispuesto-a-defender-su-soberania-con-las-armas-silvio-rodriguez