Bom­ben auf Schulen

By Published On: Mai 15, 2026Cate­go­ries: News

Trotz der verschärften US-Blo­ck­a­­de blei­ben die vor­bild­li­chen Betreu­ungs- und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen der Insel geöffnet. (15.05.2026: Tages­zei­tung jun­ge Welt von Michel Torres*)

Per Han­dy bin ich zufällig auf sie gesto­ßen: Ihr Name ist Sus­a­na Rive­ra, und mit bewun­derns­wer­ter Offen­heit schil­dert sie, dass sie nicht wis­se, was sie machen sol­le, wenn wegen Treib­stoff­man­gels die Kitas geschlos­sen würden. Es ist ein kur­zes Video*, veröffentlicht vom UNICEF-Büro in Kuba, und sie ist die Haupt­dar­stel­le­rin: 22 Jah­re alt und Mut­ter einer einjährigen Toch­ter. Sie arbei­tet als Grund­schul­leh­re­rin und bringt ande­ren Kin­dern Lesen und Schrei­ben bei, ist dabei aber auf Kin­der­be­treu­ungs­ein­rich­tun­gen ange­wie­sen – öffentliche Ein­rich­tun­gen, die von der Revo­lu­ti­on zur Unterstützung berufstätiger Mütter geschaf­fen wur­den. Ihre Wor­te, auf Insta­gram ein­ge­bet­tet zwi­schen scherz­haf­ten Reels und gele­gent­li­chen regie­rungs­feind­li­chen Pam­phle­ten, erschüttern mich.

Die Idee der Kindertagesstätten in Kuba geht auf ein bol­sche­wis­ti­sches Vor­bild zurück: Alex­an­dra Kol­lon­tai setz­te sich in der Sowjet­uni­on für den Auf­bau eines Net­zes staat­li­cher Ein­rich­tun­gen ein, um Frau­en von häuslichen Pflich­ten zu befrei­en. Ziel war es, das her­ge­brach­te Fami­li­en­bild, das Frau­en unterdrückte, abzulösen und zu einer Art »kol­lek­ti­ver Kin­der­er­zie­hung« bei­zu­tra­gen, um so die endgültige Eman­zi­pa­ti­on der Frau zu errei­chen. In Kuba wur­de die­ses Sys­tem über die mehr als sechs Jahr­zehn­te der Revo­lu­ti­on bei­be­hal­ten. Kindertagesstätten sind grund­le­gen­de Ein­rich­tun­gen, um die Rech­te von Müttern und ihren Kin­dern zu garan­tie­ren. Natürlich hat die Wirt­schafts­kri­se der ver­gan­ge­nen Jah­re auch die Qualität die­ser Ein­rich­tun­gen beeinträchtigt, und pri­va­te Betreu­ungs­an­ge­bo­te sind ent­stan­den, die von Bes­ser­ge­stell­ten genutzt werden.

Wie die UNICEF bestätigt, unterhält Kuba trotz der jüngsten Verschärfung der US-Blo­ck­a­­de wei­ter­hin 298 Betriebskindergärten und 1.077 Kindertagesstätten. Die­ses Jahr hat bis­her nur ein ein­zi­ger Öltanker Kuba erreicht. Doch die Regie­rung hat es geschafft, die für kuba­ni­sche Mütter – und auch für die Väter – so wich­ti­gen Ein­rich­tun­gen auf­recht­zu­er­hal­ten. Auf der Insel genie­ßen nicht nur Frau­en Mut­ter­schafts­ur­laub – Männer können eben­falls Vater­schafts­ur­laub nehmen.

Auch die mehr als 6.000 Grund­schu­len sind nicht geschlos­sen. Des­halb unter­rich­tet Sus­a­na Rive­ra trotz der lan­gen Stromausfälle wei­ter. »Bil­dung darf nicht ver­lo­ren­ge­hen«, sagt sie in dem Video. Ihre Auf­rich­tig­keit berührt mich – und ich den­ke an die »unwürdigen Kuba­ner«, wie der Intel­lek­tu­el­le Abel Prie­to sie kürzlich nann­te, die zu einer Militärintervention gegen ihr Land auf­ru­fen, oder an die kor­rup­ten Poli­ti­ker, die aus siche­rer Ent­fer­nung von den USA aus ihre Geschäfte mit der »kuba­ni­schen Sache« machen.

Eine Umfra­ge des Miami Herald unter 800 Kuba­nern und kubanischstämmigen US- Ame­ri­ka­nern in Südflorida ergab ver­gan­ge­nes Jahr, dass 79 Pro­zent eine US-Militärintervention gegen Kuba befürworten, ledig­lich 15 Pro­zent lehn­ten sie kate­go­risch ab. Das deu­tet auf ein alar­mie­ren­des Maß an Medi­en­ma­ni­pu­la­ti­on oder faschis­to­ider Mas­ke hin, um dort überleben zu können. Es steht auch in schar­fem Kon­trast zu Umfra­gen unter der Bevölkerung der USA im all­ge­mei­nen, nach denen die Mehr­heit eine Aggres­si­on ablehnt.

Ich sehe auf dem Han­dy­bild­schirm, wie Sus­a­na glücklich mit ihrer Toch­ter spielt. Dabei den­ke ich an mei­ne Mut­ter, die auch ein­mal zwan­zig war und heu­te, mit fast sech­zig, den Tod und das Leid, das jeder Krieg mit sich bringt, eben­falls nicht ver­dient hat. Ich den­ke an die Mädchenschule im Iran, die mehr­mals von den USA und Isra­el bom­bar­diert wur­de. Ich den­ke an die mehr als 160 Toten, die über 160 Fami­li­en, die in einem verwüsteten Land um ihre Töchter oder Schwes­tern trauern.

Sus­a­nas Toch­ter heißt Alex­an­dra, wie die Kom­mu­nis­tin Kol­lon­tai. Ich sehe sie auf mei­nem Han­dy und sehe Kuba, das Kuba, das selbst inmit­ten der erdrückenden Stran­gu­lie­rung Freu­de emp­fin­det; das Kuba, das für sei­ne Kin­der, für die Zukunft Wider­stand leis­tet; das Kuba, das nicht kapi­tu­liert, das wei­ter für Idea­le, für Wahr­heit, für Gerech­tig­keit kämpft. Ich weiß nicht, wel­che poli­ti­sche Ideo­lo­gie Sus­a­na ver­tritt oder wel­che ihre Toch­ter ver­tre­ten wird. Es spielt kei­ne Rol­le. Es hat kei­nen Sinn, Unter­schei­dun­gen zu tref­fen. Bom­ben tun das auch nicht.

* Michel Tor­res ist cuba­ni­scher Jour­na­list, Direk­tor des Ver­lags Nue­vo Mile­nio und Mode­ra­tor der wöchent­li­chen Fern­seh­sen­dung “Con Filo”.

*Hier Link zum Video mit Sus­a­na Rivera:

https://x.com/UNICEFCuba/status/2051324405079240890?s=20