Och­sen­stär­ke statt Maschinen

By Published On: Juni 3, 2026Cate­go­ries: Öko­lo­gie

19.10.2018

per­ma­link  : https://www.globalagriculture.org/whats-new/news/en/33438.html

Eine agrar­öko­lo­gi­sche Umge­stal­tung der Ernäh­rungs- und Agrar­sys­te­me und die Abkehr von der indus­tri­el­len Land­wirt­schaft ist kei­ne Uto­pie, son­dern kann in Gemein­den, Regio­nen oder gar gan­zen Län­dern erfolg­reich gelin­gen. Das ist die fro­he Bot­schaft des neus­ten Berichts von IPES-Food (Inter­na­tio­nal Panel of Experts on Sus­tainable Food Sys­tems), einer Exper­ten­grup­pe unter Vor­sitz des ehe­ma­li­gen UN-Son­­der­­be­rich­t­er­sta­t­­ters für das Men­schen­recht auf Nah­rung, Oli­vi­er De Schutter, und der Ex-UNICEF-Ver­­­tre­­te­rin für Kenia, Oli­via Yam­bi. Der die­se Woche in Rom prä­sen­tier­te Bericht stellt sie­ben Erfolgs­bei­spie­le aus aller Welt für eine agrar­öko­lo­gi­sche Wen­de vor. Ein erfolg­rei­cher Über­gang zur Agrar­öko­lo­gie erfor­de­re Ver­än­de­run­gen in vier Schlüs­sel­be­rei­chen: Pro­duk­ti­ons­me­tho­den, Wis­sens­ge­ne­rie­rung und ‑ver­brei­tung, sozia­le und wirt­schaft­li­che Bezie­hun­gen sowie insti­tu­tio­nel­le Rah­men­be­din­gun­gen. Wenn sich auf all die­sen Ebe­nen etwas ände­re, ver­rin­ge­re sich die Abhän­gig­keit von den bis­he­ri­gen Ver­mitt­lern von Inputs, Wis­sen und Markt­zu­gang. So wer­den Mecha­nis­men, die indus­tri­el­le Ernäh­rungs­sys­te­me am Leben erhal­ten, durch­bro­chen und neue nach­hal­ti­ge Sys­te­me ent­ste­hen. „Der Über­gang beginnt dann wirk­lich, wenn sich an ver­schie­de­nen Fron­ten gleich­zei­tig etwas ver­än­dert. Dann ent­ste­hen neue Macht­ver­hält­nis­se und die Logik des Sys­tems ver­schiebt sich“, erklärt Haupt­au­tor Ste­ve Gliessman.

Eine Fall­stu­die legt dar, wie es in Kuba gelang, die wirt­schaft­li­che Iso­la­ti­on nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on für eine agrar­öko­lo­gi­sche Wen­de zu nut­zen. Als Reak­ti­on auf die Kri­se wur­de der klein­bäu­er­li­che Agrar­sek­tor in Kuba einer „agrar­öko­lo­gi­schen Revo­lu­ti­on“ unter­zo­gen. Die Bau­ern konn­ten die Pro­duk­ti­on trotz des weit­ge­hen­den Ver­zichts auf exter­ne Inputs steigern.

Zu den Ände­run­gen der Pro­duk­ti­ons­me­tho­den gehör­ten das Erset­zen von Inputs, Anbau­di­ver­si­fi­zie­rung, Frucht­fol­gen, Agro­forst­wirt­schaft und die Inte­gra­ti­on von Acker­bau und Vieh­zucht. Wis­sens­ge­ne­rie­rung und ‑ver­brei­tung erfolg­te durch eine flo­rie­ren­de Cam­­pe­­si­­no-a-Cam­­pe­­si­­no-Bewe­­gung — der Aus­tausch von Bau­er zu Bau­er. Insti­tu­tio­nel­le Akteu­re und For­schungs­zen­tren stell­ten den Land­wir­ten Wis­sen und z.B. eine gro­ße Band­brei­te an Saat­gut kos­ten­los bereit. Bau­ern und Behör­den ver­tief­ten ihre wis­sen­schaft­li­chen und fach­li­chen Kom­pe­ten­zen durch „Bus­rei­sen“ zu ver­schie­de­nen Höfen. Zudem erhiel­ten Klein­bau­ern Infos durch die Genos­sen­schaf­ten, denen die meis­ten ange­hör­ten. Die Agrar­öko­lo­gie wur­de auch in den Lehr­plä­nen der Poly­tech­ni­schen Hoch­schu­len verankert.

Ver­än­de­run­gen in den sozia­len und wirt­schaft­li­chen Bezie­hun­gen führ­ten laut IPES-Food zu einer schnel­len Aus­wei­tung der Agrar­öko­lo­gie. Eine hoch­or­ga­ni­sier­te bäu­er­li­che Agrar­­öko­­­lo­­gie-Bewe­­gung, die von der natio­na­len Klein­bau­ern­ver­ei­ni­gung (ANAP) vor­an­ge­trie­ben wur­de, ermög­lich­te die Ver­brei­tung von Wis­sen und schuf Soli­da­ri­tät unter den Bau­ern. „Die sozia­len Bezie­hun­gen ent­wi­ckel­ten sich auch als Reak­ti­on auf die Moda­li­tä­ten des Land­be­sit­zes unter dem sozia­lis­ti­schen Regime. Die meis­ten kuba­ni­schen Bau­ern besit­zen ihr Land pri­vat, kul­ti­vie­ren es aber als Teil von Genos­sen­schaf­ten“, so der Bericht. Die­se Koope­ra­ti­ven ermög­lich­ten auch den Zugang zu Dienst­leis­tun­gen, Kre­di­ten und den Kauf von Inputs in gro­ßen Men­gen; Land, Maschi­nen und Lager befan­den sich in gemein­schaft­li­chem Besitz. Zu den insti­tu­tio­nel­len Ver­än­de­run­gen gehö­ren die Dezen­tra­li­sie­rung des staat­li­chen Agrar­sek­tors, die Ver­an­ke­rung der Agrar­öko­lo­gie in staat­li­chen und For­schungs­ein­rich­tun­gen sowie unter­stüt­zen­de Maß­nah­men wie die Boden­re­form. Schät­zun­gen zufol­ge betrei­ben heu­te rund 300.000 Klein­bau­ern in Kuba Agrar­öko­lo­gie. Stu­di­en deu­ten dar­auf hin, dass agrar­öko­lo­gi­sche Prak­ti­ken auf 46–72% der klei­nen Höfe Anwen­dung fin­den, die etwa 60% des in Kuba ver­zehr­ten Gemü­ses, Mais, Boh­nen, Früch­te und Schwei­ne­fleisch pro­du­zie­ren. Zudem flo­rier­te die fast che­mie­freie urba­ne Land­wirt­schaft, die heu­te grö­ße­re Städ­te mit bis zu 70% des fri­schen Gemü­ses ver­sorgt. Damit nimmt Kuba eine Vor­rei­ter­rol­le in der urba­nen Land­wirt­schaft ein.