Gegen die Schocktherapie

By Published On: Okto­ber 21, 2026Cate­go­ries: News

Jun­ge Welt / 19.10.2026 / von Kurt Terstegen/

Markt­li­be­ra­li­sie­rung Kubas könnte Kor­rup­ti­on fördern: Ein Ökonom wirbt für Prävention!

Führen Kubas Refor­men zu mehr Kor­rup­ti­on? Das im Juni beschlos­se­ne Paket mit 176 Maß­nah­men für einen markt­wirt­schaft­li­che­ren Sozia­lis­mus auf der Kari­bik­in­sel gewährt den Staats­un­ter­neh­men nicht nur größere Auto­no­mie, son­dern erwei­tert auch die Befug­nis­se für den Pri­vat­sek­tor. Damit ein­her geht auch der Ver­kauf staat­li­cher Vermögenswerte: Unter­neh­mens­be­tei­li­gun­gen können übertragen, Land und Infra­struk­tur ver­pach­tet wer­den. Der Ökonom Pedro Mon­re­al von der Universität Havan­na kri­ti­sier­te vor weni­gen Tagen in einem Mei­nungs­bei­trag das damit ver­bun­de­ne Risi­ko einer Zunah­me der Kor­rup­ti­on und leg­te einen Kata­log mit Präventionsmaßnahmen vor.

Unter dem Titel »Wer ent­schei­det, darf nicht kau­fen« präsentierte Mon­re­al sei­ne Vorschläge, um der Ent­ste­hung einer Günstlingswirtschaft vor­zu­beu­gen. Zen­tra­les Ele­ment ist eine Unver­ein­bar­keits­lis­te für Spitzenfunktionäre, wonach natio­na­le und regio­na­le Entscheidungsträger kei­ne Akti­en, Vermögenswerte, Oberflächenrechte oder Pachtverträge besit­zen dürfen. Außer­dem for­dert er Trans­pa­renz darüber, wer der Käufer ist, und ver­langt, die Erlöse direkt an den Staats­haus­halt abzuführen. Hin­zu kom­men Gren­zen für die Eigen­tums­kon­zen­tra­ti­on, öffentliche Regis­ter und eine auto­ma­ti­sche Rückabwicklung, wenn die ver­ein­bar­ten Bedin­gun­gen nicht erfüllt werden.

Mon­re­al erklärt, staat­li­che Vermögenswerte zu pri­va­ti­sie­ren, könne für die kuba­ni­sche Wirt­schaft von gro­ßem Vor­teil sein, sofern sie die Produktivität stei­ge­re, ausländisches Kapi­tal anzie­he und den Staat ent­las­te. Aller­dings weist der Ökonom vor allem auf vier Berei­che hin, in denen die Kor­rup­ti­ons­ge­fahr beson­ders groß sei. Staats­un­ter­neh­men könnten künftig ohne öffentliche Aus­schrei­bun­gen Vermögenswerte ver­kau­fen oder unge­nutz­te Güter an kuba­ni­sche oder ausländische Fir­men ver­pach­ten. Belohnt würde dadurch ein Infor­ma­ti­ons­vor­sprung durch Nähe zur Macht statt Produktivität.

Unbe­bau­te staat­li­che Ländereien sowie Agrar- und Forstflächen dürfen kos­ten­los Pächtern überlassen wer­den – ohne fes­te Größenbegrenzung. Die Nut­zungs­dau­er hängt von der indi­vi­du­el­len Ver­ein­ba­rung ab, während sich der Ver­trag auto­ma­tisch zu glei­chen Bedin­gun­gen verlängert, wenn nie­mand wider­spricht. Die Fol­ge wäre dau­er­haf­ter und unkon­trol­lier­ter Pri­vat­be­sitz öffentlicher Güter, bemängelt Mon­re­al. Für Grundstücke kann der Staat zeit­lich uneingeschränkt Nut­zungs­rech­te gegen Zah­lung gewähren. Das geht aus Sicht des Ökonomen zu weit über blo­ßen Nieß­brauch hin­aus und stellt de fac­to Pri­va­ti­sie­rung dar. Staat­li­che Läden, Gas­tro­no­mie­be­trie­be und zen­tra­le Infra­struk­tur wie Bahnhöfe, Stra­ßen, Brücken und Tun­nel können

in pri­va­te Ver­wal­tung übergehen und durch zeit­wei­se Steu­er­erleich­te­run­gen gefördert wer­den. Dies betrifft bei beson­de­ren Geneh­mi­gun­gen auch Tank­stel­len, Apo­the­ken und Alten­hei­me. Übertragungen die­ser Art gefährdeten die Ver­sor­gung, sei­en aber leich­ter rückgängig zu machen, weil sich nur der Ver­wal­ter – nicht der Eigentümer – ändere.

Die rapi­de Abwick­lung des Sozia­lis­mus in den post­so­wje­ti­schen Staa­ten Ost­eu­ro­pas zeig­te bereits, wohin plötzliche Pri­va­ti­sie­run­gen führen können. In Russ­land führte der rasche Ver­kauf staat­li­cher Güter zur Ent­ste­hung einer Olig­ar­chen­klas­se, die heu­te gan­ze Indus­trie­zwei­ge kon­trol­liert. Auch anders­wo bil­de­te sich eine neue herr­schen­de Kapi­ta­lis­ten­klas­se her­aus, die sich der­art rücksichtslos auf Kos­ten von Mil­lio­nen Men­schen berei­cher­te, dass die Lebens­er­war­tung in vie­len schock­the­ra­pier­ten Staa­ten vorübergehend absank.

Im Fal­le Kubas han­delt es sich indes um Maß­nah­men, die das sozia­lis­ti­sche Sys­tem expli­zit schützen sol­len. Havan­na ver­sucht, mit ausländischen Inves­ti­tio­nen die natio­na­le Ökonomie trotz der Blo­cka­de anzu­re­gen. Mon­re­als Vor­schlag erscheint vor die­sem Hin­ter­grund als Mah­nung, die Refor­men bedacht zu gestal­ten und die zen­tra­len Wer­te der Revo­lu­ti­on wei­ter zu bewah­ren. Eine Schock­the­ra­pie dürfte das seit Jahr­zehn­ten vom US-Impe­ria­­lis­­mus blo­ckier­te Kuba und sei­ne Bürger in den Ruin stürzen.

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