Die meis­ten gewalt­sa­men Todes­fäl­le bei Frau­en ereig­nen sich im häus­li­chen Umfeld

By Published On: Sep­tem­ber 19, 2026Cate­go­ries: Eman­zi­pa­ti­on

09/09/2026/Dixie Edith – Red Sem­lac / Foto: Gace­ta Iztacala/

89,7 Pro­zent der geschlechts­spe­zi­fi­schen Mor­de an Frau­en im Jahr 2025 ereig­ne­ten sich laut offi­zi­el­len Anga­ben im Haus­halt der Opfer.

Die kuba­ni­schen Gerich­te ver­han­del­ten im Jahr 2025 49 geschlechts­spe­zi­fi­sche Mor­de (1), was einer Rate von 1,19 pro 100.000 Frau­en ab 15 Jah­ren ent­spricht, wie aus den im August die­ses Jah­res vom kuba­ni­schen Obser­va­to­ri­um für Geschlech­ter­gleich­stel­lung (OCIG) ver­öf­fent­lich­ten aktu­el­len Zah­len hervorgeht.

Die­se Zahl stellt einen Rück­gang gegen­über den 76 Fäl­len aus dem Jahr 2024 dar, die einer Rate von 1,79 ent­spra­chen. Im Jahr 2023 wur­den 60 gericht­lich ver­han­del­te Fäl­le regis­triert (1,37 pro 100.000 Frau­en die­ser Alters­grup­pe), bestä­tig­te das OCIG, eine Platt­form, die gemein­sam vom Natio­na­len Amt für Sta­tis­tik und Infor­ma­ti­on (Onei) und dem Zen­trum für Frau­en­stu­di­en des Kuba­ni­schen Frau­en­ver­bands (FMC) ent­wi­ckelt wurde.

Im Jahr 2025 wur­den weni­ger Fäl­le vor Gericht ver­han­delt als die 76, die 2024 gemel­det wurden. 

Nach Ansicht der Juris­tin Arlin Pérez Duhar­te ist es wich­tig, über ein Regis­ter der gericht­lich ver­han­del­ten Fäl­le zu ver­fü­gen, „ers­tens, weil dort tat­säch­lich bereits eine gericht­li­che Ent­schei­dung vor­liegt und ein Schuld­spruch ergan­gen ist“, erklär­te sie gegen­über SEMlac.

Aller­dings rei­chen die­se Sta­tis­ti­ken nicht aus, um das Aus­maß der geschlechts­spe­zi­fi­schen Gewalt im Land zu erfas­sen, da sie weder die nicht ange­zeig­ten Todes­fäl­le noch die­je­ni­gen Fäl­le berück­sich­ti­gen, die noch unter­sucht wer­den oder gar nicht erst vor Gericht kommen.

„Die gericht­lich ver­han­del­ten Fäl­le bie­ten einen hohen Grad an Zuver­läs­sig­keit, da es Vor­fäl­le gege­ben haben kann, bei denen nicht genü­gend Beweis­ma­te­ri­al für eine Ver­ur­tei­lung vor­liegt oder bei denen das Ver­fah­ren auf­grund des Todes des Täters ein­ge­stellt wird, was einen Grund für das Erlö­schen der straf­recht­li­chen Ver­ant­wor­tung dar­stellt“, erklär­te Pérez Duharte.

Für die Sozio­lo­gin Clotil­de Pro­vey­er Cer­van­tes ist die Ver­füg­bar­keit von Daten uner­läss­lich, um „ein nor­ma­li­sier­tes Pro­blem, das durch patri­ar­cha­li­sche Macht legi­ti­miert wird, sicht­bar zu machen; die­se Daten sind der öffent­li­che Nach­weis dafür, dass sol­che Vor­fäl­le tat­säch­lich statt­fin­den, was wich­tig ist, um dem Phä­no­men ent­ge­gen­zu­wir­ken“, erklär­te sie gegen­über SEM­lac in einem 2025 ver­öf­fent­lich­ten Aus­tausch mit Fachleuten.

Pro­vey­er Cer­van­tes, Pro­fes­so­rin an der Uni­ver­si­tät von Havan­na und Koor­di­na­to­rin der Bera­ter­grup­pe der FMC für die Bekämp­fung und Prä­ven­ti­on geschlechts­spe­zi­fi­scher Gewalt, beton­te zudem, dass die Zah­len auf­ge­schlüs­selt, aktu­ell und zuver­läs­sig sein müssen.

Im April 2026 doku­men­tier­te der Jah­res­be­richt über Gewalt gegen kuba­ni­sche Frau­en und Mäd­chen der unab­hän­gi­gen Beob­ach­tungs­stel­le „Alas Ten­sas“ 48 nach­ge­wie­se­ne Frau­en­mor­de für das Jahr 2025, gegen­über 56 im Jahr 2024 und 90 im Jahr 2023 – ein rück­läu­fi­ger Trend, der dem in den Auf­zeich­nun­gen der OCIG über gericht­lich ver­han­del­te Mord­fäl­le ähnelt.

Im gel­ten­den kuba­ni­schen Straf­ge­setz­buch wird das betref­fen­de Delikt als „geschlechts­spe­zi­fi­scher Mord an Frau­en“ bezeich­net und mit stren­gen Stra­fen geahn­det. Gemäß Arti­kel 345 die­ses Geset­zes wird, wer „eine Frau infol­ge geschlechts­spe­zi­fi­scher Gewalt tötet“, mit Frei­heits­stra­fen von 20 bis 30 Jah­ren, lebens­lan­ger Frei­heits­stra­fe oder in Aus­nah­me­fäl­len mit der Todes­stra­fe bestraft.

Ein Blick auf die Zahlen

Nach Anga­ben der OCIG führ­te Havan­na die Lis­te der Pro­vin­zen mit 12 vor Gericht ver­han­del­ten Fäl­len von Frau­en­mor­den an. Es fol­gen mit jeweils sechs Fäl­len die eben­falls im Wes­ten gele­ge­ne Pro­vinz Maya­be­que süd­öst­lich von Havan­na, die zen­tral gele­ge­ne Pro­vinz Cama­güey, 499 Kilo­me­ter von der Haupt­stadt ent­fernt, sowie Hol­guín im Osten, etwas mehr als 700 Kilo­me­ter entfernt.

 Bei 46,9 Pro­zent der Ver­bre­chen waren die Täter ehe­ma­li­ge Part­ner, und 89,7 Pro­zent der Taten ereig­ne­ten sich im häus­li­chen Umfeld. 75,5 Pro­zent der ermor­de­ten Frau­en waren nicht erwerbs­tä­tig, und 38 der Todes­fäl­le ent­fie­len auf die Alters­grup­pe der 20- bis 44-Jährigen.

Obwohl in abso­lu­ten Zah­len in städ­ti­schen Gebie­ten mehr Fäl­le (33) gemel­det wur­den als in länd­li­chen (16), ist die Rate in letz­te­ren höher, was auf eine grö­ße­re Prä­va­lenz hin­deu­tet. Die Ver­tei­lung nach Haut­far­be ent­sprach der kuba­ni­schen Bevöl­ke­rungs­struk­tur, wobei wei­ße Frau­en überwogen.

Mehr als 50 Mäd­chen und Jun­gen ver­lo­ren ihre Mut­ter, da 32 der Opfer min­der­jäh­ri­ge Töch­ter oder Söh­ne hatten.

Sexu­el­le Gewalt stellt vor allem für Jugend­li­che ein Risi­ko dar. 

Die kuba­ni­schen Gerich­te ver­han­del­ten im Jahr 2025 zudem 173 Fäl­le sexu­el­ler Gewalt gegen Frau­en ab 15 Jah­ren, was laut OCIG einer Rate von 4,19 pro 100.000 Frau­en ent­spricht. Von die­sen Ver­fah­ren ent­fie­len 90 auf das Delikt der sexu­el­len Nöti­gung und 83 auf ande­re For­men sexu­el­ler Gewalt.

Welt­weit wur­den im ver­gan­ge­nen Jahr mehr als 12 Pro­zent der Frau­en im Alter zwi­schen 15 und 49 Jah­ren Opfer kör­per­li­cher oder sexu­el­ler Gewalt durch einen Part­ner oder Ex-Par­t­­ner, wie aus dem 2025 ver­öf­fent­lich­ten Bericht „Pan­ora­ma de géne­ro“ von UN Women hervorgeht.

Die Pro­vin­zen mit der höchs­ten Anzahl an im ver­gan­ge­nen Jahr ver­han­del­ten Fäl­len sexu­el­ler Gewalt waren Havan­na (30), Pinar del Río (29), Cama­güey (20) sowie Las Tunas und Hol­guín (jeweils 15). Im All­ge­mei­nen über­wie­gen lan­des­weit die Straf­ta­ten der sexu­el­len Nöti­gung gegen­über ande­ren For­men sexu­el­ler Gewalt.

Erneut wur­de die höchs­te Zahl an Fäl­len in städ­ti­schen Gebie­ten ver­zeich­net (120) gegen­über 53 in länd­li­chen Gebie­ten; doch wie bei den Mor­den ist die Prä­va­lenz in letz­te­ren höher.

Nach Haut­far­be zei­gen die offi­zi­el­len Sta­tis­ti­ken, dass wei­ße Frau­en in abso­lu­ten Zah­len am stärks­ten betrof­fen sind. Zudem gehör­ten zwei Frau­en mit Behin­de­rung zu den Opfern der vor Gericht ver­han­del­ten Fäl­le, was die Inter­sek­tio­na­li­tät die­ser Situa­ti­on der Ver­letz­lich­keit verdeutlicht.

Zwar weist die Alters­grup­pe der 20- bis 44-Jäh­ri­­gen mit 73 Opfern und einer Rate von 5,33 pro 100.000 Frau­en die höchs­te abso­lu­te Fall­zahl auf, doch in der Alters­grup­pe der 15- bis 17-Jäh­ri­­gen wur­den 49 Fäl­le gemel­det, was einer Rate von 31,52 pro 100.000 ent­spricht. Die Inzi­denz ist im Ver­hält­nis zur Gesamt­be­völ­ke­rung in die­ser letz­ten Grup­pe höher, was auf das erhöh­te Risi­ko für Jugend­li­che hin­weist, Opfer die­ser Gewalt zu werden.

Unzu­rei­chen­de Daten

Die Unte­r­er­fas­sung von Gewalt ist ein von inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen umfas­send doku­men­tier­tes Phä­no­men. Die in den meis­ten Län­dern ver­füg­ba­ren offi­zi­el­len Zah­len spie­geln nur einen Teil der Rea­li­tät wider.

Ein im Jahr 2022 ver­öf­fent­lich­ter Bericht der Wirt­schafts­kom­mis­si­on für Latein­ame­ri­ka und die Kari­bik (CEPAL) wies dar­auf hin, dass die offi­zi­el­len Zah­len zu Femi­zi­den in der Regel unter den tat­säch­li­chen Zah­len lie­gen, unter ande­rem auf­grund der Angst vor einer Anzei­ge oder auf­grund feh­len­der geschlechts­spe­zi­fi­scher Per­spek­ti­ve in den Polizeiregistern.

Das Doku­ment mit dem Titel „Stu­die zur Qua­li­tät der Erfas­sung von Femi­zi­den und geschlechts­spe­zi­fi­schen gewalt­sa­men Todes­fäl­len von Frau­en“ ana­ly­siert die Qua­li­tät der offi­zi­el­len Daten zu Femi­zi­den in 16 latein­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern und weist zudem dar­auf hin, dass in vie­len Fäl­len Schlüs­sel­va­ria­blen wie Alter, eth­ni­sche Zuge­hö­rig­keit oder die Bezie­hung zum Täter in den Zah­len zu Femi­zi­den fehlen.

Kuba kün­dig­te im März 2025 wäh­rend des XVI. Inter­na­tio­na­len Tref­fens für Straf­rechts­wis­sen­schaf­ten 2025 in Havan­na den Auf­bau eines zugäng­li­chen und aktu­el­len elek­tro­ni­schen Regis­ters zu geschlechts­spe­zi­fi­scher Gewalt an, ins­be­son­de­re zu Todes­fäl­len von Frau­en und Mäd­chen aus die­sem Grund.

Ana Hernán­dez Mur, lei­ten­de Staats­an­wäl­tin der Abtei­lung für Infor­ma­ti­on und Ana­ly­se der Gene­ral­staats­an­walt­schaft der Repu­blik Kuba, stell­te dar­auf­hin die ers­ten Ergeb­nis­se eines inter­ope­ra­blen elek­tro­ni­schen Regis­ters vor, das dar­auf abzielt, Ver­wal­tungs­re­gis­ter der Poli­zei und der Staats­an­walt­schaft, aber auch von Gerichts­ver­fah­ren, geahn­de­ten Straf­ta­ten und des Straf­voll­zugs­sys­tems mit­ein­an­der zu verknüpfen.

Die Juris­tin Arlin Pérez Duar­te erklär­te gegen­über SEM­lac, dass sich das Regis­ter der­zeit noch in der Wei­ter­ent­wick­lung befin­de, jedoch bereits über eine umfas­sen­de Daten­struk­tur ver­fü­ge, die Ver­bin­dun­gen zwi­schen „der Kri­mi­nal­po­li­zei, der Staats­an­walt­schaft und sogar dem Gericht“ herstelle.

„Es ist zwar nicht öffent­lich zugäng­lich, stellt jedoch eine wich­ti­ge Ermitt­lungs­grund­la­ge für die Prä­ven­ti­on, die Fall­be­ar­bei­tung und den Umgang mit den Opfern dar“, so die Juristin.

Für die­se Exper­tin han­delt es sich um wich­ti­ge Zah­len, unter ande­rem „für die Erken­nung von Gewalt­for­men wie stell­ver­tre­ten­der Gewalt, die zuvor in Kuba kein Iden­ti­fi­ka­ti­ons­merk­mal war, oder von Über­grif­fen auf älte­re Men­schen und Men­schen mit Behin­de­run­gen, um die Inter­sek­tio­na­li­tät zu erkennen“.