Es ist, was man sieht

By Published On: Okto­ber 1, 2026Cate­go­ries: News

Jun­ge Welt / 30.09.2026 / von Abel Prieto*/

Es gibt ein Foto als Beweis: Vene­zue­las Übergangsstaatschefin Del­cy Rodríguez und US-Präsident Donald Trump gemein­sam, lächelnd, in New York. Die­ses Bild lässt unter­schied­li­che Inter­pre­ta­tio­nen zu. Diplo­ma­ti­sche, tak­ti­sche oder stra­te­gi­sche Erklärungen las­sen sich for­mu­lie­ren. Man kann über Prag­ma­tis­mus, Machtverhältnisse, Ver­hand­lun­gen oder poli­ti­sche Not­wen­dig­keit spre­chen. All das lässt sich dis­ku­tie­ren. Doch das Foto ist ein Beweis und zeigt eine kon­kre­te Sze­ne. Und die­se Sze­ne lässt sich nur schwer mit einem Groß­teil der poli­ti­schen Tra­di­ti­on ver­ein­ba­ren, aus der Rodríguez her­vor­ge­gan­gen ist. Sie doku­men­tiert eine Hal­tung, die weit ent­fernt erscheint von der Würde und Autorität, mit der der Cha­vis­mus einst den Mächten der Welt gegenübertrat. Und weni­ge Stun­den später erscheint die Foto­gra­fie mit Trump, die für sich selbst spricht. Denn Diplo­ma­tie ist eine Sache und eine ande­re die Posi­ti­on, aus der her­aus sie ausgeübt wird. Ver­han­deln ist eines, anders steht es um das Zei­gen von Unter­ord­nung. Das ist es aber, was man sieht.

Was man sieht, ist weit ent­fernt von jenem »Geht zur Hölle, ver­damm­te Yan­kees« von Hugo Chávez. Es ist weit ent­fernt von jenem rebel­li­schen Cha­vis­mus, der es wag­te, dem König von Spa­ni­en die Stirn zu bie­ten; der die USA her­aus­for­der­te und des­sen poli­ti­sche Identität aus den Idea­len von Souveränität, Würde und Wider­stand gegen die impe­ria­le Macht bestand. Da gab es poli­ti­sche Stärke, die Fähigkeit, sich der Macht ent­ge­gen­zu­stel­len, eine Art der Führung, die man heu­te in sol­chen Bil­dern kaum noch findet.

Wir leben in einer dys­to­pi­schen Welt, in der künstliche Intel­li­genz, tech­no­lo­gi­sche Fort­schrit­te und Algo­rith­men oft dazu führen, dass wir die Realität nicht mehr erken­nen oder sie aus einer ande­ren als einer rea­lis­ti­schen Per­spek­ti­ve erle­ben. Wir können Geschich­ten, Erzählungen und gan­ze Uni­ver­sen um eine Sze­ne her­um kon­stru­ie­ren, bis das Nar­ra­tiv schließ­lich an die Stel­le der Wirk­lich­keit tritt.

Die Annah­me, dass die Realität etwas ande­res ist als das, was man sieht, führt oft dazu, dass wir Ideen, Uto­pien oder sogar poli­ti­sche Stand­punk­te aus einer Per­spek­ti­ve betrach­ten, die sich immer wei­ter von dem ent­fernt, was tatsächlich geschieht. Viel­leicht besteht heu­te eine revolutionäre Her­aus­for­de­rung dar­in, die Realität zum Maß­stab dafür zu machen, was erzählt oder geschil­dert wird. Ideen, Uto­pien und poli­ti­sche Posi­tio­nen müssen von der Wirk­lich­keit aus­ge­hen und nicht von einer kon­stru­ier­ten Wirk­lich­keit, die dem ent­spricht, was wir glau­ben sol­len. Wenn ein Nar­ra­tiv an die Stel­le der Tat­sa­chen tritt, hören wir auf, die Wirk­lich­keit zu inter­pre­tie­ren, und begin­nen, sie unse­ren Bedürfnissen anzupassen.

Des­halb liegt die Kraft in dem, was wir sehen. Und was wir sehen, ist nicht nur ein Foto von Del­cy Rodríguez und Donald Trump. Die­ses Foto ent­stand nach der US-Militärintervention vom 3. Janu­ar in Vene­zue­la, nach der Entführung von Nicolás Madu­ro und Cilia Flo­res und nach­dem Trump die Ope­ra­ti­on als sei­nen Sieg bezeich­net hat­te. Was wir sehen, ist Del­cy Rodríguez mit dem Mann, der den Angriff ver­herr­licht. Das ist wich­tig, denn das Foto schwebt nicht im luft­lee­ren Raum, son­dern hat einen Kon­text. Es gibt Tote, es gibt eine militärische Inter­ven­ti­on, es gibt einen entführten Präsidenten, es ste­hen stra­te­gi­sche Res­sour­cen auf dem Spiel, und es gibt einen Trump, der mit die­ser Ope­ra­ti­on prahlt.

In die­sen Stun­den taucht para­do­xer­wei­se ein Epos der Frie­dens­di­plo­ma­tie auf, eine groß­spu­ri­ge Rhe­to­rik rund um einen ver­meint­li­chen Sieg. Doch das Wich­tigs­te ist, etwas ganz Ein­fa­ches zu sagen: Eine Nie­der­la­ge hat nichts Epi­sches. Man kann darüber dis­ku­tie­ren, wie man ihr begeg­net, wel­che Hal­tung man ihr gegenüber ein­nimmt und wel­che Würde man bewahrt, wenn die Bedin­gun­gen ungünstig sind. Aber eine Nie­der­la­ge wird nicht zum Sieg, nur weil wir um sie her­um eine Erzählung kon­stru­ie­ren. Die Realität behält eine Dimen­si­on, die der Dis­kurs nicht auslöschen kann.

Wor­te des Siegers

Was wir sehen, ist eine Del­cy Rodríguez, die Trumps Unge­heu­er­lich­kei­ten dul­det. Er ver­herr­lich­te die US- Ope­ra­ti­on in Vene­zue­la mit Begrif­fen wie »Sieg« und »Sie­ger«, recht­fer­tig­te die Anwen­dung von Gewalt und sprach sogar von der »Beu­te«, die dem Sie­ger zuste­he. Das ist eine Verhöhnung der Toten, bei denen es sich nicht nur um Vene­zo­la­ner, son­dern auch um Kuba­ner han­delt – vor allem aber um Men­schen, die bei der Inter­ven­ti­on auf latein­ame­ri­ka­ni­schem Boden ums Leben kamen. Die­ser Kon­text ver­schwin­det nicht dadurch, dass später eine diplo­ma­ti­sche Foto­gra­fie ent­steht oder für jede Ges­te eine stra­te­gi­sche Erklärung gefun­den wird.

Das ist gesche­hen. Und es ist unverständlich, dass Del­cy Rodríguez anschlie­ßend in sieg­rei­cher Pose lächelnd mit dem­je­ni­gen erscheint, der Madu­ro und Flo­res entführt hat. Wir können über die Gründe für Ver­hand­lun­gen, die Machtverhältnisse, die tak­ti­schen Erfor­der­nis­se, die Umstände und die Alter­na­ti­ven dis­ku­tie­ren. All das gehört zur Poli­tik und kann ana­ly­siert wer­den. Aber es gibt etwas, das vor all die­sen Erklärungen steht: Es ist das, was gesche­hen ist.

Wenn es heu­te mit Blick auf die Ereig­nis­se vom 3. Janu­ar ein Vor­bild gibt, dann sind es die kuba­ni­schen Sicherheitskräfte, die bis zum Schluss gegen die US-Trup­­pen gekämpft und eine würdige Hal­tung gezeigt haben, obwohl sie in bezug auf Mit­tel und Bedin­gun­gen aller Art im Nach­teil waren. Auch in der UN- Debat­te war es die kuba­ni­sche Dele­ga­ti­on, die den Saal ver­ließ. Hier zeigt sich eben­falls ein Bezugs­punkt der Würde, ein Maß­stab, an dem wir uns im Kampf ori­en­tie­ren und an dem wir uns mes­sen können. Es gibt Momen­te, in denen die Poli­tik die Fähigkeit zurückgewinnen muss, der Macht Gren­zen zu setzen.

Das ist wich­tig für die­je­ni­gen von uns, die sich einer Tra­di­ti­on der Lin­ken, der Souveränität und der Eman­zi­pa­ti­on ver­pflich­tet fühlen. Denn wir dürfen nicht die Fähigkeit ver­lie­ren, einen Bezugs­punkt zu

erken­nen, wenn wir ihn sehen. Wir können kei­ne künstliche Hel­den­ge­schich­te um etwas her­um kon­stru­ie­ren, das uns kei­nen Bezugs­punkt bie­tet. Und wir dürfen eine Sze­ne der Unter­ord­nung nicht ein­fach des­halb in eine revolutionäre Sze­ne umdeu­ten, weil wir eine bestimm­te Erzählung auf­recht­erhal­ten wollen.

Wenn wir die­ser prag­ma­ti­schen, tak­ti­schen Logik ver­fal­len, in der die Realität durch groß­spu­ri­ge Reden auf den Kopf gestellt wer­den kann, ver­lie­ren wir etwas viel Wich­ti­ge­res als eine aktu­el­le poli­ti­sche Dis­kus­si­on: die Fähigkeit zu den­ken. Was wir sehen, ist eine zufrie­de­ne Del­cy Rodríguez an der Sei­te von Trump. Was wir sehen, ist ein his­to­ri­scher vene­zo­la­ni­scher Pro­zess, den wir bewun­dert haben, der aber nicht mehr als Bezugs­punkt dient, weil er heu­te Teil von Mecha­nis­men ist, die Trump stärken, und Teil einer stra­te­gi­schen Abga­be von Res­sour­cen – nicht nur natürlicher, son­dern auch kon­zep­tio­nel­ler und ideo­lo­gi­scher Art.

Und die­ser letz­te Punkt ist viel­leicht sogar noch wich­ti­ger, denn es geht nicht nur um Öl, natürliche Res­sour­cen oder wirt­schaft­li­che Ver­ein­ba­run­gen. Es wer­den auch Sym­bo­le, Bezugs­punk­te, Wor­te und poli­ti­sche Tra­di­tio­nen preis­ge­ge­ben. Eine Tra­di­ti­on, die sich über Jah­re um den Wider­stand gegen den Impe­ria­lis­mus her­um auf­ge­baut hat, soll letzt­lich dazu benutzt wer­den, ein neu­es Unterordnungsverhältnis zu legi­ti­mie­ren. Und wenn das geschieht, ist die Kapi­tu­la­ti­on nicht nur mate­ri­el­ler, son­dern auch kon­zep­tio­nel­ler Natur. Ein Teil von dem, das uns über Jah­re hin­weg ermöglichte, eine bestimm­te Sicht auf die Welt, eine Art der Aus­le­gung von Souveränität und eine Art des Verständnisses von Eman­zi­pa­ti­on zu ent­wi­ckeln, würde preisgegeben.

Es gibt also kein Zurück. Um der Würde wil­len ist es für uns als poli­tisch Akti­ve wich­tig, unse­ren Intel­lekt nicht zu ver­ra­ten und uns bewusst zu machen, was wir da sehen. Eini­ge wer­den sagen: »Nein, das ist eine Tak­tik.« Nun gut, aber kein revolutionärer Pro­zess ist jemals auf die­se Wei­se zustan­de gekom­men. Können Sie sich vor­stel­len, dass Fidel Cas­tro nach der Inva­si­on in Playa Girón gemein­sam mit Ken­ne­dy gefei­ert hätte? So in etwa wäre es. Der Ver­gleich mag bru­tal erschei­nen, aber gera­de er ermöglicht es, das Pro­blem zu ver­ste­hen: Es ist eine Sache, mit dem Geg­ner zu ver­han­deln, und eine ande­re, mit jeman­dem zu fei­ern, der gera­de mit einem militärischen Überfall geprahlt hat; das eine ist, eine Nie­der­la­ge zu ver­kraf­ten, und ein ande­res, aus der Nie­der­la­ge ein Epos zu machen.

Zurück zur Realität

Möglicherweise ist genau dies das Pro­blem unse­rer Zeit: Wir haben gelernt, Geschich­ten zu kon­stru­ie­ren, die unse­re Wahr­neh­mung der Realität verändern können, wenn wir anneh­men, dass die Realität dem ent­spricht, was wir glau­ben wollen.

Des­halb besteht die revolutionäre Her­aus­for­de­rung heu­te viel­leicht dar­in, zur Realität zurückzukehren. Das, was ist, mit dem in Ein­klang zu brin­gen, was erzählt und berich­tet wird; Uto­pien nicht auf­zu­ge­ben, aber zu ver­hin­dern, dass sie zu einer Ent­schul­di­gung dafür wer­den, die Fak­ten zu igno­rie­ren; die Poli­tik nicht auf­zu­ge­ben, aber zu ver­hin­dern, dass die Poli­tik uns dazu zwingt, das zu leug­nen, was wir vor Augen haben; stra­te­gi­sches Den­ken nicht ein­zu­stel­len, son­dern Kohärenz als eine Dimen­si­on der Stra­te­gie zurückzugewinnen.

Viel­leicht besteht die ers­te Pflicht für die­je­ni­gen von uns, die noch dar­an glau­ben, dass Poli­tik die Realität verändern kann, dar­in, den Intel­lekt nicht zu ver­ra­ten, um ein Nar­ra­tiv zu ret­ten. Die Realität zu betrach­ten, von ihr aus­ge­hend zu den­ken und Ideen ange­sichts des­sen, was tatsächlich geschieht, auf­recht­zu­er­hal­ten. Denn vor jeder Erklärung, vor jeder epi­schen Dar­stel­lung und vor jeder nar­ra­ti­ven Kon­struk­ti­on gibt es etwas, das vor uns steht: Es ist das, was man sieht.

* Abel Prie­to ist ein kuba­ni­scher Schrift­stel­ler, war von 1997 bis 2012 sowie 2016 bis 2018 Kul­tur­mi­nis­ter und ist der­zeit Direk­tor des Kul­tur­in­sti­tuts Casa de las Américas. Der Arti­kel erschien zunächst auf dem argen­ti­ni­schen Por­tal Bar­rio Ade­ntro und der in Cara­cas her­aus­ge­ge­be­nen Platt­form Orino­co Tri­bu­ne.→ Übersetzung und Bear­bei­tung von Vol­ker Hermsdorf

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