Chi­na bleibt

By Published On: Febru­ar 23, 2026Cate­go­ries: News

Die Volks­re­pu­blik eröffnet Kuba alter­na­ti­ve Finanz­struk­tu­ren, umgeht so die US-Blo­ck­a­­de­­po­­li­­tik und for­dert die USA heraus.

(23.02.2026: Tages­zei­tung jun­ge Welt von Kurt Terstegen)

Seit ein paar Jah­ren wird wie­der mehr von Hege­mo­nie gere­det. Ins­be­son­de­re im Kon­text des wirt­schaft­li­chen Wett­laufs zwi­schen den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und der Volks­re­pu­blik Chi­na. Je zen­tra­ler die Stel­lung eines Staa­tes in den ent­schei­den­den glo­ba­len Wir­t­­schafts- und Finanz­sek­to­ren, des­to hege­mo­nia­ler sein Ein­fluss. In die­sem Zusam­men­hang spre­chen Poli­tik­wis­sen­schaft­ler gern von Net­work Cen­tra­li­ty: der Fähigkeit eines Akteurs, zen­tra­le Kno­ten­punk­te inter­na­tio­na­ler Netz­wer­ke zu kon­trol­lie­ren. Vor die­sem Hin­ter­grund ist auch Chi­nas Umgang mit den US-San­k­­tio­­nen gegen Kuba aufschlussreich.

Seit dem Sieg der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on in Kuba haben die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ihr Sank­ti­ons­re­gime kon­ti­nu­ier­lich aus­ge­wei­tet – mit dem selbsterklärten Ziel eines Regime­wech­sels auf der Kari­bik­in­sel. Beson­ders nach dem Zusam­men­bruch des sozia­lis­ti­schen Lagers in Ost­eu­ro­pa ver­lor Kuba sei­ne wich­tigs­ten Han­­dels- und Finan­zie­rungs­part­ner. Während des Kal­ten Krie­ges wickel­te das Land bis zu 80 Pro­zent sei­nes Außen­han­dels mit Mit­glied­staa­ten des Rates für gegen­sei­ti­ge Wirt­schafts­hil­fe ab. In Washing­ton war man daher bereits überzeugt, von einem bal­di­gen Ende des Kom­mu­nis­mus in Havan­na spre­chen zu können.

In den 1990er Jah­ren verschärften die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ihre Kuba-Poli­­tik durch die Ver­ab­schie­dung zwei­er zen­tra­ler Geset­ze, die über bila­te­ra­le Sank­tio­nen hin­aus­gin­gen. Ziel war nicht nur, Kuba von einer Inte­gra­ti­on in den glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus aus­zu­schlie­ßen. Washing­ton droh­te darüber hin­aus Per­so­nen und Unter­neh­men aus Dritt­staa­ten mit recht­li­chen und wirt­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen, soll­ten sie mit Kuba Han­del trei­ben, dort inves­tie­ren oder in ande­rer Form koope­rie­ren. Der soge­nann­te Tor­ri­cel­li Act und das Helms-Bur­­ton-Gesetz wer­den von zahl­rei­chen regio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen und Staa­ten als völkerrechtswidrige Ein­grif­fe in ihre Souveränität kri­ti­siert – bis­lang jedoch ohne spürbare Konsequenzen.

Die UN-Gene­ral­­ver­­­sam­m­­lung stimmt Jahr für Jahr für eine Reso­lu­ti­on, die ein Ende der US- Blo­cka­de gegen Kuba for­dert. Ohne Erfolg. Unter der Präsidentschaft von Donald Trump verschärften die Ver­ei­nig­ten Staa­ten den wirt­schaft­li­chen und finan­zi­el­len Druck. Mit der Entführung des vene­zo­la­ni­schen Präsidenten Nicolás Madu­ro haben sie Havan­na den wich­tigs­ten Verbündeten ent­zo­gen. Doch Chi­na schafft mit Pro­jek­ten der inter­na­tio­na­len Finanz­ko­ope­ra­ti­on alter­na­ti­ve Insti­tu­tio­nen, auf die Washing­ton nur begrenzt Ein­fluss ausübt.

Anschluss an Seidenstraße

In sei­ner zwei­ten Amts­zeit als US-Präsident begann Barack Oba­ma, die Sank­tio­nen gegen Kuba in nahe­zu allen Berei­chen zurückzufahren und den Druck auf Dritt­staa­ten, die mit Havanna

koope­rie­ren woll­ten, zu redu­zie­ren. Im sel­ben Jahr verkündete der chi­ne­si­sche Staats­chef Xi Jin­ping den Plan für die Initia­ti­ve »Neue Sei­den­stra­ße« – ein Jahr­hun­dert­pro­jekt, das den Aus­bau glo­ba­ler und regio­na­ler Infra­struk­tur vor­an­trei­ben und neben ande­ren Regio­nen auch Latein­ame­ri­ka in ein Netz­werk chi­ne­si­scher Finanz­in­sti­tu­tio­nen inte­grie­ren sollte.

Zwar pfle­gen die kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en aus Havan­na und Bei­jing seit Jahr­zehn­ten enge Bezie­hun­gen, doch Chi­nas ökonomisches Enga­ge­ment auf der Kari­bik­in­sel blieb lan­ge Zeit stark begrenzt. Wie ver­schie­de­ne Daten­ban­ken zei­gen, haben chi­ne­si­sche Kre­di­te und Zuschüsse an Kuba seit 2016 deut­lich zuge­nom­men – also in jener Pha­se, in der die US-Regie­rung den Sank­ti­ons­druck reduzierte.

Von mil­li­ar­den­schwe­ren Infra­struk­tur­pro­jek­ten bis Bar­geld­spen­den für Schu­len: Die Volks­re­pu­blik wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu einem der wich­tigs­ten Geld­ge­ber Kubas. Während chi­ne­si­sche Ban­ken wie die Export-Import Bank of Chi­na den Aus­bau von Häfen, Kraft­wer­ken und Solar­parks mit Kre­di­ten in Höhe von meh­re­ren hun­dert Mil­lio­nen US-Dol­lar ermöglichten, flos­sen par­al­lel dazu vie­le klei­ne­re Zuschüsse für medi­zi­ni­sche Ausrüstung und den Bil­dungs­sek­tor. Beson­ders auffällig ist der Fokus auf den Ener­gie­sek­tor: Allein das 62-Mega­­watt-Kraft­­­werk in Cie­go de Ávila kos­te­te über 200 Mil­lio­nen Dol­lar, während ein Solar­mo­dul­pro­jekt in der Pro­vinz Holguín mit wei­te­ren 114 Mil­lio­nen Dol­lar unterstützt wurde.

Allein in der ers­ten Jahreshälfte von 2016 gewährte Bei­jing acht Kre­di­te für Pro­jek­te in Kuba. Ein Kre­dit in Höhe von 201,78 Mil­lio­nen US-Dol­lar für den Bau eines 20-Mega­­watt-Bio­­­mas­­se­­kraf­t­­werks in der Pro­vinz Vil­la Cla­ra ist in die­sem Zeit­raum das wohl umfang­reichs­te Pro­jekt zwi­schen Bei­jing und Havan­na. Es soll­te an die Zucker­fa­brik Héctor Rodríguez ange­schlos­sen und von der kuba­ni­schen Staats­fir­ma Azcu­ba betrie­ben werden.

Chi­ne­si­sche Revision

Mit dem Amts­an­tritt von US-Präsident Donald Trump wur­den die zuvor ein­ge­lei­te­ten Öffnungen gegenüber Kuba revi­diert. US-Unter­­neh­­men, die begon­nen hat­ten, mit kuba­ni­schen Part­nern zu koope­rie­ren, zogen sich in kur­zer Zeit wie­der zurück. Auch das chi­ne­si­sche Enga­ge­ment auf der Insel ging spürbar zurück. Während in der zwei­ten Amts­zeit Barack Oba­mas noch 16 chi­ne­si­sche Pro­jek­te in Kuba regis­triert wur­den, sank ihre Zahl während der ers­ten Präsidentschaft Trumps auf vier. Der erneu­te Sank­ti­ons­druck der USA zeig­te damit zumin­dest kurz­fris­tig Wir­kung – auch gegenüber Beijing.

Wie der deut­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Günther Mai­hold betont, spiel­ten bei der Ent­schei­dung über ausländische Direkt­in­ves­ti­tio­nen aus chi­ne­si­scher Per­spek­ti­ve auch die innen­po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen Kubas eine zen­tra­le Rol­le. Mit der Ver­fas­sungs­re­form von 2019 räumte die Part­ido Comu­nis­ta de Cuba (PCC) ausländischen Inves­to­ren bes­se­re Bedin­gun­gen ein und verstärkte zugleich den Fokus auf die soge­nann­ten Son­der­wirt­schafts­zo­nen. Ziel war es, ausländisches Kapi­tal gezielt anzu­zie­hen, ohne dabei die Souveränität des sozia­lis­ti­schen Sys­tems zu gefährden.

Mit dem Amts­an­tritt der Biden-Admi­­nis­­tra­­ti­on stieg die Zahl der chi­ne­si­schen Kre­di­te und Zuschüsse an Kuba erneut auf 16 Pro­jek­te. Zudem verkündete die kuba­ni­sche Regie­rung zu Beginn des ver­gan­ge­nen Jah­res den Sta­tus eines offi­zi­el­len BRICS-Par­t­­ner­lan­­des. Inter­es­sant ist dabei die Veränderung der Geld­ge­ber im Ver­gleich zur Oba­­ma-Zeit: Während zuvor überwiegend chi­ne­si­sche Ban­ken die Finan­zie­rung stell­ten, kamen die Mit­tel nun zu 88 Pro­zent von staat­li­chen Insti­tu­tio­nen, Par­tei­or­ga­nen und der chi­ne­si­schen Bot­schaft in Havanna.

Beob­ach­ter gin­gen davon aus, dass sich Chi­na infol­ge des Drucks der US-Regie­rung während der zwei­ten Amts­zeit von Donald Trump wie­der zurückziehen würde. Aber das Gegen­teil scheint der Fall zu sein. Als Washing­ton zuletzt Dro­hun­gen gegen alle aus­sprach, die Öl an Kuba lie­fern könnten, bekräftigte Bei­jing sei­ne Unterstützung für Havan­na: Zunächst wur­den 60.000 Ton­nen Reis gelie­fert. Die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Chi­nas kündigte eine Sofort­hil­fe in Höhe von 80 Mil­lio­nen US-Dol­lar an.

Die US-San­k­­tio­­nen las­sen sich als Aus­druck der Finanz­he­ge­mo­nie Washing­tons ver­ste­hen. Mehr als 60 Jah­re lang konn­te Kuba dem stand­hal­ten. In Zei­ten, in denen Washing­ton zu einer Poli­tik des maxi­ma­len Drucks zurückkehrt, eröffnen Chi­nas alter­na­ti­ve Finanz­struk­tu­ren Havan­na neue Spielräume und stel­len für die kuba­ni­sche Regie­rung eine mögliche Lösung dar. Unter den aktu­el­len Rah­men­be­din­gun­gen ist das ökonomische Enga­ge­ment Chi­nas gegenüber Kuba kein irrele­van­ter Neben­schau­platz. Der Finanz­sek­tor gilt als zen­tra­ler Hebel im glo­ba­len Wett­be­werb um Vor­macht­stel­lung zwi­schen Bei­jing und Washing­ton. Die Volks­re­pu­blik demons­triert zuneh­men­de Resi­li­enz gegenüber US-San­k­­tio­­nen und for­dert Washing­ton auf meh­re­ren Ebe­nen her­aus: ideo­lo­gisch, wirt­schaft­lich und politisch.

Hin­ter­grund: Kuba­po­li­tik der USA

Mit sei­nem Amts­an­tritt am 20. Janu­ar 2009 lei­te­te Barack Oba­ma einen außen­po­li­ti­schen Kurs­wech­sel ein. Mit der Stra­te­gie des soge­nann­ten »Pivot to Asia« soll­te sich der militärische und ökonomische Druck Washing­tons fort­an verstärkt gegen Chi­na rich­ten. Kuba ver­lor in die­sem Rivalitätsspiel an stra­te­gi­scher Bedeu­tung. Zur Enttäuschung der Hard­li­ner in Flo­ri­da nahm Oba­ma eine Rei­he von Änderungen an den Cuban Assets Con­trol Regu­la­ti­ons (CACR) vor und ver­schaff­te der Kari­bik­in­sel damit etwas Luft zum Atmen. Ein Blick auf die dama­li­gen Anpas­sun­gen der CACR ver­deut­licht jedoch vor allem eines: die Zähigkeit einer Blo­cka­de­po­li­tik, die über Jahr­zehn­te tief in den Insti­tu­tio­nen der USA ver­an­kert wurde.

Die ers­ten Änderungen an den CACR wur­den im Sep­tem­ber 2009 vor­ge­nom­men. Eine Wel­le ausländischer Inves­ti­tio­nen in Kuba folg­te. Die Eupho­rie auf der Kari­bik­in­sel war groß. Tatsächlich han­del­te es sich bei den Änderungen aber um kos­me­ti­sche Kor­rek­tu­ren an einem rie­si­gen juris­ti­schen Geschwür. Die CACR bil­den seit 1963 das juris­ti­sche Fun­da­ment der US-Blo­ck­a­­de; sei­ner­zeit per Exe­ku­ti­v­a­n­ord­nung von US-Präsident Ken­ne­dy erlas­sen, ergänzen sie den »Tra­ding with the Ene­my Act« aus dem Ers­ten Welt­krieg. Die Befug­nis­se eines jeden US-Präsidenten beschränken sich seit dem »Tor­ri­cel­li Act« von 1992, der das Embar­go gegen Kuba verschärfte, jedoch auf das vorübergehende Aus­set­zen oder Modi­fi­zie­ren ein­zel­ner Arti­kel – das Gesamt­kon­strukt bleibt ohne eine Mehr­heit im Kon­gress unantastbar.

Ausländische Kre­di­te und Hilfs­gel­der für Kuba kom­men auf­grund der domi­nan­ten Stel­lung der USA in den glo­ba­len Finanzmärkten kaum an Washing­tons Ban­ken vor­bei. Oba­mas Locke­run­gen in die­sem Sek­tor brach­ten einen Fort­schritt. Zwi­schen dem 8. Sep­tem­ber 2009 und dem 9. Novem­ber 2017 nahm Washing­ton zehn Änderungen an den CACR vor und locker­te damit den finan­zi­el­len Druck auf die Insel.

Die Sank­tio­nen gegen Kubas Infra­struk­tur, Häfen, Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on und vor allem gegen die Tou­ris­mus­bran­che wur­den zurückgefahren. Für die sozia­lis­ti­sche Insel ergab sich dar­aus eine Viel­zahl inter­na­tio­na­ler Koope­ra­tio­nen und Inves­ti­tio­nen. Unter der Trump-Regie­rung jedoch wur­den die aus­ge­setz­ten Arti­kel des Sank­ti­ons­kon­strukts nicht nur wie­der in Kraft gesetzt, son­dern durch neue Verschärfungen ergänzt – ein Kurs, den Biden ledig­lich in Ansätzen kor­ri­gier­te. Jetzt erfährt der Druck auf Havan­na eine neue, bis­lang unge­kann­te Dimen­si­on, bei deren Durch­set­zung Washing­ton selbst vor militärischen Mit­teln nicht zurückschreckt. Kuba ist heu­te stärker auf inter­na­tio­na­le Solidarität ange­wie­sen denn je. (kt)

https://www.jungewelt.de/artikel/517959.chinesisch-kubanische-beziehungen-china-bleibt.html