»Die Revo­lu­ti­on ermög­lich­te ihnen ein Leben in Würde«

By Published On: Sep­tem­ber 3, 2026Cate­go­ries: News

Jun­ge Welt / 31.08.2026 / Von Thor­ben Aus­ten, Havanna /

Über die Geschich­te schwar­zer Men­schen in Kuba und die afri­ka­ni­sche Dia­spo­ra. Ein Gespräch mit der Doku­men­tar­fil­me­rin Glo­ria Rolando /

Gibt es hier in Kuba noch Ras­sis­mus und Dis­kri­mi­nie­rung schwar­zer Menschen?

In Kuba wur­de die Skla­ve­rei erst 1886 abge­schafft – neben Bra­si­li­en war Kuba das letz­te Land auf dem ame­ri­ka­ni­schen Dop­pel­kon­ti­nent. Auf die Skla­ve­rei folg­ten Jahr­zehn­te der Ungleich­heit, Dis­kri­mi­nie­rung und fort­ge­setz­ter Ras­sis­mus. Die Revo­lu­ti­on von 1959 hat Wich­ti­ges in Rich­tung sozia­ler Gleich­stel­lung erreicht. Ich bin aus einer armen Arbei­ter­fa­mi­lie. Die Revo­lu­ti­on hat uns gro­ße Bildungsmöglichkeiten gege­ben – nicht nur uns, auch ande­ren schwar­zen Men­schen in Kuba. Daher bin ich nicht ein­ver­stan­den mit der kli­schee­haf­ten Dar­stel­lung der Schwar­zen in der heu­ti­gen Tou­ris­mus­in­dus­trie in Kuba. Das ist unwürdig und repräsentiert nicht die schwar­ze Bevölkerung. Die­ses The­ma habe ich in mei­nem Doku­men­tar­film »Diálogo con mi abue­la« (Dia­log mit mei­ner Groß­mutter, jW) auch auf­ge­grif­fen. Er erschien 2016 und han­delt von den Erfah­run­gen als arme, schwar­ze Arbei­te­rin vor der Revo­lu­ti­on. Dazu nutz­te ich noch vor­han­de­ne Audio­auf­nah­men mit der Stim­me mei­ner Groß­mutter und stell­te ihr Leben dar. In mei­ner neu­en Doku­men­ta­ti­on »Mi guer­ra« (Mein Krieg, jW) über die Buf­fa­lo Sol­diers nut­ze ich dage­gen kei­ne Inter­views. Sie basiert nur auf Arti­keln und Doku­men­ten aus jener Zeit.

Wer waren die­se »Buf­fa­lo Soldiers«?

Sie kämpften im soge­nann­ten spa­­nisch-US-ame­ri­­ka­­ni­­schen Krieg 1898 auf sei­ten der USA gegen die spa­ni­sche Kolo­ni­al­herr­schaft. Ich sage »im soge­nann­ten spa­­nisch-US-ame­ri­­ka­­ni­­schen Krieg«, weil es in Wirk­lich­keit ein spa­­nisch-kuba­­nisch-US-ame­ri­­ka­­ni­­scher Krieg war. Kuba wird aber in den Büchern, Inter­views und Doku­men­ten über den Krieg unterschlagen.

Von Okto­ber 2024 bis Okto­ber 2025 war ich zur Recher­che in den USA, unter ande­rem in Tam­pa in Flo­ri­da, von wo aus damals die US-Sol­­da­­ten nach Kuba ver­schifft wor­den waren. Man­che die­ser schwar­zen Sol­da­ten, die für die Unabhängigkeit Kubas von Spa­ni­en kämpften, gefiel es in Kuba, und sie blie­ben hier im Wes­ten des Lan­des. Sie erleb­ten hier weni­ger Ras­sis­mus als in den USA. Es gab selbstverständlich auch in Kuba Ras­sis­mus, aber in den USA herrsch­te damals noch die Rassentrennung.

Sie haben seit 1991 bis­lang 14 Doku­men­tar­fil­me gemacht. Wor­um geht es Ihnen?

Um die Geschich­te schwar­zer Men­schen in Kuba und die afri­ka­ni­sche Dia­spo­ra in Kuba. Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts kamen vie­le Men­schen aus Jamai­ka, Bar­ba­dos, Tri­ni­dad und Toba­go nach Kuba, um für die Zucker­in­dus­trie zu arbei­ten. Nach 1914 gab es eine wei­te­re Migra­ti­ons­wel­le von schwar­zen Arbei­tern, die nach der Fer­tig­stel­lung des Pana­ma­ka­nals ohne Arbeit dastan­den und hier­her­ka­men, um eben­falls in der Zucker­in­dus­trie zu arbeiten.

Für die Dreh­ar­bei­ten muss­ten wir Havan­na ver­las­sen und mit unse­ren dama­li­gen gerin­gen Res­sour­cen in ande­ren Lan­des­tei­len recher­chie­ren. Wir reden über den Beginn der 1990er Jah­re. Ein ande­res wich­ti­ges The­ma habe ich in mei­nem Doku­men­tar­film »Reem­bar­que« (Rückverschiffung, jW) bear­bei­tet. Dar­in geht es um die Arbei­ter aus Hai­ti, die eben­falls zur Arbeit in der Zucker­in­dus­trie nach Kuba kamen. Hai­ti ist das Land der ers­ten erfolg­rei­chen Rebel­li­on von Skla­ven und daher sehr wich­tig für den Kon­ti­nent. Die­se Sei­te der Geschich­te soll ausgelöscht und Hai­ti bis heu­te für die­sen Auf­stand bestraft wer­den. Mitt­ler­wei­le wird über Hai­ti nur im Kon­text von Gewalt, Kriminalität und Kor­rup­ti­on gesprochen.

Die Arbei­ter aus Hai­ti, die zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts nach Kuba kamen, wur­den hier in grau­sa­mer Wei­se aus­ge­beu­tet. Kuba war mit der Zucker­in­dus­trie neben Pana­ma mit dem Kanal und Cos­ta Rica mit der Bana­nen­in­dus­trie ein Zen­trum, wo mit bil­li­ger Arbeits­kraft der Reich­tum nord­ame­ri­ka­ni­scher Kon­zer­ne geschaf­fen wur­de. Die Arbei­ter aus Hai­ti arbei­te­ten nur sai­son­wei­se in Kuba. Nach der Ern­te wur­den sie stets zurückgeschickt. Daher kommt der Titel der Doku­men­ta­ti­on. Die Revo­lu­ti­on von 1959 mach­te Schluss mit die­ser Pra­xis, Fidel Cas­tro kann­te das Leid hai­tia­ni­scher Arbei­ter von der Fin­ca sei­nes Vaters persönlich. Nach der Revo­lu­ti­on wur­de den Arbei­tern die Möglichkeit gege­ben, dau­er­haft in Kuba zu blei­ben. Den älteren Arbei­tern zahl­te die revolutionäre Regie­rung eine Ren­te. 2003 konn­te ich Inter­views mit gebürtigen Hai­tia­nern machen, die vor 1959 nach Kuba gekom­men waren. Heu­te sind natürlich fast alle ver­stor­ben, aber die Revo­lu­ti­on ermöglichte ihnen ein Leben in Würde.

Eine wei­te­re Doku­men­ta­ti­on trägt den Titel »1912 – das Schwei­gen bre­chen«. Was geschah 1912?

1908 wur­de eine Par­tei der schwar­zen Bevölkerung für die Unabhängigkeit in Kuba gegründet. Die­se Par­tei wur­de von der libe­ra­len Regie­rung für ille­gal erklärt. 1912 kam es zu einem Mas­sa­ker, dem 6.000 schwar­ze Kuba­ner zum Opfer fie­len. Für die­se Doku­men­ta­ti­on muss­ten wir mehr als zehn Jah­re recherchieren.

Sie haben 1997 eine Doku­men­ta­ti­on über das Leben von Assa­ta Shakur gedreht. Die 1947 in New York gebo­re­ne Akti­vis­tin der revolutionär‑militanten Black Pan­ther Par­ty war 1979 aus dem Gefängnis befreit wor­den und leb­te seit 1984 in Kuba. Im Sep­tem­ber 2025 ist sie hier in Havan­na gestor­ben. Wie ist der Film über sie entstanden?

Der Film ist ein lan­ges Inter­view mit ihr, an ver­schie­de­nen Orten auf­ge­nom­men. Assa­ta erzählt von ihrem Leben und ihrem Kampf in den USA. Die Pha­se ihrer gelun­ge­nen Befrei­ung aus der Haft und wie sie nach Kuba kam hat sie aus­ge­klam­mert. Sie nennt dazu aus verständlichen Gründen kei­ne Details. So feh­len in

die­sem Doku­men­tar­film zwar vie­le Din­ge, aber er han­delt auch von der mensch­li­chen Sei­te im Leben von Assa­ta. Vie­le betrach­ten poli­ti­sche Führungspersönlichkeiten aus­schließ­lich unter dem Gesichts­punkt ihrer poli­ti­schen Arbeit und ver­ges­sen dabei das Mensch­li­che. Assa­ta moch­te zum Bei­spiel kuba­ni­sche Musik sehr gerne.

Der Film geht aber auch der Fra­ge nach: »Wo sind die kämpferischen Frau­en?« Bei Assa­ta spie­gel­te sich ihr Kampf­geist in ihren Augen, daher auch der Titel des Films: »The Eyes of the Rain­bow« (Die Augen des Regen­bo­gens, jW). Ich bin Doku­men­tar­fil­me­rin, aber vor allem Huma­nis­tin. Das woll­te ich in die­sem Doku­men­tar­film beson­ders her­vor­he­ben. Ich woll­te zei­gen, dass selbst in einer poli­tisch schwie­ri­gen Geschich­te die Poe­sie bestehen bleibt. Im Jahr 2003 haben wir die­sen Film in etwa 20 Städten in Deutsch­land gezeigt. Das war eine sehr wich­ti­ge Erfahrung.

Kuba macht durch die Anfang des Jah­res verhängte Total­blo­cka­de der USA die wahr­schein­lich schwers­te Kri­se des Lan­des seit der Revo­lu­ti­on von 1959 durch. Was müssen die Regie­rung und das kuba­ni­sche Volk tun, um auch die­se Kri­se zu überwinden?

Die Regie­rung hat reagiert und eine Rei­he von Maß­nah­men verkündet. So soll die Wirt­schaft dyna­mi­siert und die ökonomische Ent­wick­lung vor­an­ge­bracht wer­den. Viel­leicht hätten die­se Maß­nah­men früher kom­men müssen, dann hätte uns die Verschärfung der Blo­cka­de viel­leicht nicht so hart getrof­fen. Ich bin weder Sta­tis­ti­ke­rin noch Ökonomin, aber ich höre das von vie­len Men­schen. Es kos­tet viel Arbeit in allen Sek­to­ren der Gesell­schaft, in der staat­li­chen wie in der pri­va­ten Wirt­schaft, auch in der Fra­ge der Öffnung für ausländische Inves­ti­tio­nen. Die Regie­rung zeigt die Bereit­schaft, hier vor­an­zu­kom­men und auch neue Wege zu gehen. Es gibt Men­schen in Kuba, die nicht war­ten wol­len und das Land ver­las­sen. Das ist zu bedau­ern, aber es ist ihre Entscheidung.

Trifft die Total­blo­cka­de der USA die schwar­ze Bevölkerung besonders?

Ich habe kei­ne genau­en Zah­len, aber ich lebe in einem Stadt­vier­tel in Havan­na mit einem hohen Anteil Schwar­zer und Mes­ti­zen, aber auch Wei­ßer. Gera­de berei­ten sich die Men­schen bei uns im Vier­tel auf den Schul­an­fang an die­sem Diens­tag vor. Das ver­gan­ge­ne Schul­jahr ende­te früher als üblich, wegen der Lage in Kuba durch die verschärfte Blo­cka­de und die schwie­ri­ge Lage mit der Ener­gie­ver­sor­gung. Die Men­schen ver­su­chen gera­de alles, damit die Kin­der in guten Schul­uni­for­men und mit Stif­ten, Hef­ten und Mate­ria­li­en aus­ge­stat­tet in die Schu­le gehen können. Da gibt es gro­ße Solidarität in der Fami­lie und unter den Fami­li­en, den Nach­barn usw. Ich habe eini­ge Spen­den bekom­men und Kin­der aus der Nach­bar­schaft kom­men jeden Tag und fra­gen, wann die Schu­le anfängt.

Alles ist schwe­rer gewor­den. Den Men­schen fehlt heu­te Reis, mor­gen Öl, und übermorgen wis­sen sie nicht, wie sie einen wich­ti­gen Besuch machen können, weil es kei­nen Trans­port gibt oder sie sich das Fahr­geld nicht leis­ten können. Aber sie hel­fen sich gegen­sei­tig. Gleich­zei­tig sind wir wei­ter stolz auf unse­re künstlerischen und kul­tu­rel­len Erfol­ge und Leis­tun­gen im Land. Man­che Men­schen sagen: »War­um tanzt ihr und singt, wenn das Essen fehlt?« Ja, das sind die mysteriösen und im posi­ti­ven Sin­ne merkwürdigen Din­ge Kubas.

Die afro­ku­ba­ni­sche Fil­me­ma­che­rin und Dreh­buch­au­to­rin Glo­ria Vic­to­ria Rolan­do Casa­ma­yor kam am 4. April 1953 in Havan­na zur Welt. Sie war über 35 Jah­re lang als Regis­seu­rin am Kuba­ni­schen Insti­tut für Film­kunst und ‑indus­trie (ICAIC) tätig und lei­te­te zudem die unabhängige Film­grup­pe »Imágenes del Cari­be«, die sie 1990 gegründet hatte.

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