Ist der Sozia­lis­mus in Kuba am Ende?

By Published On: Juli 3, 2026Cate­go­ries: News

Jun­ge Welt / 03.07.2026 /Von Michel Tor­res Corona/

Markt­wirt­schaft­li­che Refor­men wer­den auf der Insel hef­tig dis­ku­tiert. Die rasche Ver­ab­schie­dung von 176 Maß­nah­men, die das kuba­ni­sche Wirt­schafts­mo­dell radi­kal verändern, hat sowohl Zustim­mung erfah­ren als auch Kon­tro­ver­sen ausgelöst. Inner­halb nur einer Woche verkündete Präsident Miguel Díaz-Canel sie der Pres­se, das Zen­tral­ko­mi­tee der Par­tei bil­lig­te sie, und die Natio­nal­ver­samm­lung stimm­te ein­stim­mig zu – ein­schließ­lich eines Unterstützungsschreibens von Raúl Cas­tro. Offi­zi­ell wird bestrit­ten, dass die Refor­men auf den Druck der USA zurückzuführen sind – sie stell­ten eine eige­ne und unaus­weich­li­che Ent­schei­dung dar.

Zu den Maß­nah­men gehören eini­ge, die sich schwer mit dem sozia­lis­ti­schen Übergang ver­ein­ba­ren las­sen: Pri­vat­ban­ken sol­len zuge­las­sen wer­den, damit wird dem Finanz­ka­pi­tal Tür und Tor geöffnet. Land­nut­zungs­rech­te für bis zu 99 Jah­re sind vor­ge­se­hen – der Boden wird fak­tisch über Gene­ra­tio­nen hin­weg weg­ge­ge­ben. Zudem sol­len staat­li­che Betrie­be in Akti­en­ge­sell­schaf­ten umge­wan­delt wer­den. Wenn der Staat die Kon­trol­le über den Wirt­schafts­sek­tor ver­liert, akzep­tie­ren wir dann nicht den »Mini­mal­staat«, den wir so vehe­ment ableh­nen? Wel­che tatsächliche Macht wird der Staat dann noch über das Schick­sal der Nati­on haben?

Man­che Ent­schei­dun­gen waren not­wen­dig, wie die Dezen­tra­li­sie­rung und der Kampf gegen die Bürokratie. Doch die ent­schei­den­de Fra­ge ist, ob wir die poli­ti­sche Macht zuguns­ten gemein­schaft­li­chen Han­delns kol­lek­ti­vie­ren oder sie ein­fach den­je­ni­gen mit den größten finan­zi­el­len Res­sour­cen übergeben. In einem Land, in dem der Ver­fas­sungs­ent­wurf von 2019 in jedem Wohn­vier­tel dis­ku­tiert und das Fami­li­en­ge­setz einem Refe­ren­dum unter­zo­gen wor­den war, wur­den die­se 176 Maß­nah­men ver­ab­schie­det, ohne dass eine Debat­te mit dem Volk statt­ge­fun­den hat.

Und wer­den die­se Maß­nah­men ange­sichts der inter­na­tio­na­len Kri­se und der finan­zi­el­len Stran­gu­lie­rung Wir­kung zei­gen? Wer­den die USA davon abse­hen, pri­va­te Ban­ken, die in Kuba ope­rie­ren, zu verfolgen?

Hier geht es nicht um gegen den Markt gerich­te­ten Fun­da­men­ta­lis­mus. In einer Welt, in der monetäre und kom­mer­zi­el­le Bezie­hun­gen vor­herr­schen, kann Kuba kei­ne kom­mu­nis­ti­sche Oase sein. Doch der Markt ist eine Kraft, die die Revo­lu­ti­on her­aus­for­dern und zügeln muss. Die Geschich­te der ver­gan­ge­nen 15 Jah­re zeigt einen Staat, der hilf­los den Ver­fall sei­ner Insti­tu­tio­nen und sei­ner Fähigkeit, die Wirt­schaft zu beeinflussen,

mit­an­se­hen musste.

Rückschläge und Widersprüche sind im Übergang vom Kapi­ta­lis­mus zum Sozia­lis­mus logisch, doch man kann einen Rückschritt nicht als Fort­schritt ver­kau­fen und das, was ges­tern noch als Nie­der­la­ge galt, nicht als Sieg fei­ern. Wir Kom­mu­nis­ten haben eine Nie­der­la­ge erlit­ten: Die refor­mis­ti­schen Eli­ten haben gesiegt und den Staat sowie die Denk­wei­se vie­ler sei­ner Ver­tre­ter unterwandert.

Díaz-Canel bekräftigte, dass die Gesund­heits­ver­sor­gung wei­ter­hin kos­ten­los und uni­ver­sell blei­be, der erwirt­schaf­te­te Reich­tum umver­teilt und ein Wirt­schafts­sys­tem mit glei­chen Bedin­gun­gen für alle Akteu­re geschaf­fen wer­de. Sei­ne Rede ist beru­hi­gend, doch die Erfah­run­gen, die wir in unse­rer Geschich­te gemacht haben, ver­un­si­chern uns, die wir zwi­schen Par­tei­dis­zi­plin und Rebel­li­on hin- und her­ge­ris­sen sind. Wird der Staat die Schwa­chen inmit­ten einer Infla­ti­ons­spi­ra­le schützen können, die die Reform womöglich noch beschleu­nigt? Wer­den die neu­en Rei­chen nicht ver­su­chen, Beam­te zu kor­rum­pie­ren und eine poli­ti­sche Reform durch­zu­set­zen, die ihnen noch mehr Vor­tei­le bringt?

Das Maß­nah­men­pa­ket wird die Stromausfälle und die Lebens­mit­tel­knapp­heit kurz­fris­tig nicht behe­ben, und dar­in liegt eine größere Gefahr als in der Reform selbst: eine sozia­le Explo­si­on, die eine US- Militärintervention recht­fer­ti­gen würde. Washing­ton hat die Maß­nah­men als Ablenkungsmanöver bezeich­net und hält an den Sank­tio­nen fest. Es will noch tief­grei­fen­de­re poli­ti­sche Veränderungen, um sei­ne Geg­ner zu demütigen und Überlegenheit zu demonstrieren.

Ist dies das Ende des Sozia­lis­mus? Nein. Es gibt noch immer vie­le Kom­mu­nis­ten, inner­halb und außer­halb der eta­blier­ten Insti­tu­tio­nen, die bereit sind, die­se Situa­ti­on zu überwinden, indem sie sich der äußeren Aggres­si­on und dem »gesun­den Men­schen­ver­stand« ent­ge­gen­stel­len, der uto­pi­sche Idea­le ablehnt. Wir müssen mit dem Opti­mis­mus des Wil­lens und dem Pes­si­mis­mus der Ver­nunft in Dis­kus­sio­nen an Boden gewin­nen, Dezen­tra­li­sie­rung zu einem Pro­zess der Betei­li­gung und Kon­trol­le des Vol­kes machen und die Gei­ßel des Neo­li­be­ra­lis­mus eindämmen. Es wird nicht ein­fach sein, aber es wird gelingen.

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